Besonderes Berufsleben : Historisches Glas in guten Händen

Mit neuen Duschwänden und Kirchenfenster mehrere Jahrhunderte in sechs Händen: Glasermeister Knut Neumann (r.) mit Norbert Schaugstat (l.) und Christian Sand
Mit neuen Duschwänden und Kirchenfenster mehrere Jahrhunderte in sechs Händen: Glasermeister Knut Neumann (r.) mit Norbert Schaugstat (l.) und Christian Sand

Handwerksmeister Knut Neumann aus Lübz und seine Kollegen sind Ansprechpartner bei Fragen zu Produkten aus mehreren Jahrhunderten.

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13. März 2018, 21:00 Uhr

Bei Glasermeister Knut Neumann prallen zeitliche Welten aufeinander. Während er sich einerseits mit der detailgetreuen, aufwändigen Restaurierung von sehr kostbaren, oft mehrere Jahrhunderte alten Bleiglasfenstern vor allem aus Kirchen einen Namen gemacht hat, ist sein Betrieb gleichzeitig einer von nur noch zweien in ganz Mecklenburg-Vorpommern, der Sicherheitsglas nicht fertig einkauft, sondern auch selbst herstellt. „Durch die Schaffung mehrerer Standbeine in Form eines produzierenden Handwerksbetriebes ist es mir gelungen, die Sicherheit für mich wenigstens etwas zu erhöhen“, sagt der Lübzer. Mit ihm zusammen arbeiten sechs Menschen in der Glaserei.

Bei der schnellen Reise durch die Jahrhunderte hat Neumann unlängst erneut einen guten Fang machen können. Für 40 Wohnungen in Hamburg liefert sein Betrieb jetzt die jeweils beiden Seitenwände für hochmoderne Duschkabinen aus acht Millimeter starkem Einscheibensicherheitsglas, das erst durch die Behandlung in Lübz dafür eingesetzt werden darf. Bedingung ist nämlich, dass es bei Zertrümmerung ebenfalls wie eine zerschlagene Autoscheibe mit nicht scharfen Scherben am Boden liegt.

Der Werdegang in wenigen Worten: Neumann bekommt geradezu riesige, 3,21 mal 2,25 Meter große Glasscheiben im so genannten „geteilten Hüttenbandmaß“ geliefert, die im Original nach der Fertigung in der Glashütte rund sechs Meter breit sind. Für die Abarbeitung eines Auftrages dann waagerecht auf einen großen Tisch gelegt, schneidet eine computergesteuerte Maschine die benötigten Maße aus der großen Fläche heraus. Nach Schleifen und Polieren der Kanten sowie Herstellung der notwendigen Löcher für Griffe und Aufhängungen mit Hilfe eines doppelseitigen Diamantbohrers folgt der entscheidende Schritt bezüglich der Sicherheit: Jede für beschriebene Verwendung gedachte Scheibe wird zu einem Unternehmen in Wismar geliefert, das sie in einem Ofen auf 600 Grad erhitzt und dann abschreckt. Folge ist nicht nur die Sicherheit, sondern auch das Erreichen einer viel höheren Stabilität.

Kontakt zu dem Bauherrn in Hamburg hat Neumann durch einen in unserer Region ansässigen, ihm bekannten Fliesenleger bekommen. Vorteil ist nicht nur das Beschriebene, sondern auch die Aussicht, vielleicht weitere 60 Wohnungen ausstatten zu dürfen und ein Auftrag, der schon an den Spezialisten gegangen ist: Die Restaurierung von mindestens 150 Jahre alten Bleiglasfenstern einer Kirche ebenfalls in Hamburg mit gut zehn Zentimeter hohen, rautenförmigen Scheiben aus grünem „Goethe-Glas“.

Die Glaserei Neumann ist ein Lübzer Traditionsbetrieb, der 1920 gegründet wurde. Der heutige Inhaber lernte ab 1982 bei seiner Großtante, wurde 1988 Meister und machte sich selbstständig. Bereits 1990 baute er eine ehemalige LPG-Halle um und begann dort nach und nach seine Produktion mit gebrauchten Maschinen einzurichten. 1993 erfolgte die Herstellung der ersten Sicherheitsglasscheibe in Eigenregie, sechs Jahre später wurde die Fläche für Zuschnitt und Lager verdoppelt.

Ein Neumanns Worten zufolge großes Problem bestehe im Nachwuchsmangel: „Ich frage mich, warum niemand ins Handwerk möchte, denn ich zum Beispiel habe seit über fünf Jahren wie auch andere keine Bewerbung bekommen! Meinen jetzigen Azubi habe ich nur, weil er vorher Praktikant bei mir war.“

Zu genannter Misere komme noch das oft sehr schlechte Bildungsniveau von Schulabgängern hinzu. „Schon bei Grundrechenarten ist oft der Ofen aus. Erschreckend“, sagt Neumann. „Ohne die DDR hochhalten zu wollen muss ich sagen, dass sich diese Situation sehr zum Negativen verändert hat. Auch für meinen Auszubildenden habe ich Nachhilfeunterricht organisiert.“

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