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Technisch-Kulturelles : Hier wird der Lübzer Amtsturm gedruckt

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Aus der Redaktion der Zeitung für Lübz – Goldberg – Plau

Vor mehr als 40 Jahren stand Christian Heinze das letzte Mal an seiner Lithopresse. Jetzt hat die Steindruckpresse ihren Platz im Lübzer Kunstspeicher.

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erstellt am 17.Jun.2016 | 12:00 Uhr

Aus der Werkstatt des Lübzer Kunstspeichers dringt ein allzu bekanntes Geräusch – es ist ein Fön, der im Einsatz ist. Damit trocknet Christian Heinze einen schweren quadratischen Stein. Vor und zurück bewegt er den Fön. „Die Ätze muss fünf bis zehn Minuten einziehen“, erklärt der Potsdamer. Christian Heinze steht nach mehr als 40 Jahren erneut an einer Lithopresse – seiner, um genau zu sein. Diese gehört jetzt zum Inventar der Lübzer Einrichtung. Julia Theek hat sie ihm abgenommen. Die beiden Künstler-Freunde verbindet mehr als nur die Stadt Potsdam und das gute, schwere Stück aus dem Jahr 1891. „Meine erste Grafik, die ich gekauft habe, war eine von Christian Heinze. Da war ich 17 Jahre alt“, erinnert sich Julia Theek, selbst Künstlerin und Gründerin des Kunstspeichers in der Eldestadt. Und immer auf der Suche nach neuen Möglichkeiten – zum Beispiel die Kunst der Lithografie.

Dass es nicht nur Kunst ist, sondern echtes Handwerk, zeigt Christian Heinze, der Profi. Das war er nicht immer, die Steindruckkunst musste er von der Pike auf lernen. Und das bei keinem geringeren als dem bedeutendsten Grafiker des 20. Jahrhunderts – Otto Dix. „Ab dem dritten Studienjahr durfte ich zwölf Steine für Otto Dix schleifen. Das war ein Privileg“, erzählt der Künstler und lächelt. Als Gegenwert bekam er damals ein Original – einen echten Dix. „Schon beim sechsten Stein habe ich die Arbeit einem anderen übergeben“, gibt er heute ehrlich zu. Dass er diese Handwerkskunst beherrscht, zeigen routinierte Handgriffe. Auf einem speziellen Kalkstein, dem Solnhofer Schiefer, hat Christian Heinze das Lübzer Ensemble rund um den Amtsturm mit Fetttusche gezeichnet. Der Stein wird präpariert – die Zeichnung wird mit Talkum fixiert. „Das verstärkt das Fett“, erläutert der Grafiker. Eine Lösung aus Gummi Arabicum und Salpetersäure kommt hinzu – zum Ätzen. „Ist die Lösung zu stark oder zu schwach gelingt der Druck nicht.“ Die Ätzschicht wird anschließend mit destilliertem Wasser ausgewaschen. Dann geht’s wieder von vorn los – bis der Druckmeister zufrieden, der Schiefer ausreichend präpariert ist. Dann greift Christian Heinze beherzt zum Terpentin. „Oje, jetzt ist das Bild weg“, sagt er und lächelt verschmitzt. Das muss so sein. Denn jetzt kommt die Druckerfarbe drauf. „Der Stein muss immer feucht sein.“ Dass sein Bild vom Lübzer Wahrzeichen gelingt, zeigt die Lithopresse, die jetzt zum Einsatz kommt. Mit viel Kraftaufwand stemmt sich Christian Heinze auf den Hebel an der Presse – das Wahrzeichen ist fertig. „Ist das nicht ein Wunder?“ Nein! Das ist Lithografie, Handwerk und Steindruckkunst aus dem 18. Jahrhundert.

 

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