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22. November 2017 | 10:31 Uhr

Hier darf keine einzige Panne passieren

vom

svz.de von
erstellt am 26.Mär.2012 | 08:27 Uhr

lübz | 4.30 Uhr. Bei Nicole Assmann klingelt der Wecker. Ins Bad, dann ein abgekühlter Kaffee und nur ein paar Augenblicke später auf dem Weg zum Altenheim "Haus am Freistrom" in Lübz. Dort ist die 29-Jährige seit zwei Jahren Altenpflegerin. Um 5.45 Uhr treffen sich die Kolleginnen des Nachtdienstes mit denen des jetzt beginnenden Tagdienstes, um alle besonderen Vorkommnisse der vergangenen Stunden zu erfahren.

Nicole Assmann arbeitet im Wohnbereich 2, wo sie heute die verantwortliche Pflegekraft ist - alle Entscheidungen treffen, das Team leiten, einteilen, planen, für alle Bedürfnisse wach sein, was zusammengefasst einen prall gefüllten Tag bedeutet. "Schätzungsweise zwei Drittel der Bewohner leiden mittlerweile an Demenz. Kaum noch jemand kann ohne Begleitung raus, womit sich die Lage sehr verändert hat", berichtet die Pflegerin. "Wir freuen uns alle über jeden, der noch mobil ist." Gerade für Demenzerkrankte ist es schwierig, einen regelmäßigen Tag-/Nacht-Rhythmus einzuhalten, so dass einige manchmal schon die halbe Nacht wach sind, darauf warten, was wohl passieren wird, herumlaufen, suchen...

Um 8 Uhr möchten die meisten in Gemeinschaft frühstücken. Jeder hat einen festen Platz, so dass es zu keinem Gerangel kommt. Nach dem Waschen und Ankleiden muss sich Nicole Assmann zügig um die Einteilung der Tabletten und Spritzen für jeden Bewohner kümmern. "Hier darf absolut keine Konzentrationspanne passieren, alles muss zu 100 Prozent stimmen", sagt sie. Nach dem Frühstück nehmen die Beschäftigungstherapeuten und Dementenbetreuerinnen den größten Teil der Bewohner in ihre Obhut - basteln, singen, Zeitung lesen, Erinnerungen austauschen, rätseln, Waffeln backen, Sport machen. Zu Festen wird gemeinsam dekoriert. Alle 14 Tage mittwochs Bingo zu spielen ist Lieblingsveranstaltung vieler Bewohner.

Jetzt frühstückt das Pflegepersonal gemeinsam. Dies ist wichtig, um weitere Aspekte des Tages abzusprechen - immer in Sicht- und Rufbereitschaft für alle Bewohner. Anschließend kümmert sich Nicole Assmann zum Beispiel um die Medikamentenbestellung, Organisation von Arztbesuchen, versorgt Wundverbände, plant und beschreibt Pflegepro-bleme wie -maßnahmen, spricht mit Angehörigen und Betreuern.

Um 10 Uhr das zweite Frühstück. "Es ist zeitaufwändig und manchmal auch mühsam, weil alte Menschen im allgemeinen ein vermindertes Durstgefühl und öfter Schluckbeschwerden haben", sagt die Altenpflegerin. Am Vormittag werden auf Wunsch Getränke im Zimmer bereit gestellt, Betten bezogen, Friseur- und Fußpflegebesuche organisiert, Hilfs- und Pflegematerialien ausgeteilt und Toilettengänge angeboten. "In dieser Zeit suchen wir durch Gespräche und aufmunternde Worte immer Kontakt zu den Bewohnern", berichtet Nicole Assmann, als plötzlich schon zum wiederholten Mal an diesem Tag das Rufsignal der Klingelanlage im Schwesternzimmer ertönt. Diesmal hat eine Bewohnerin den Knopf gedrückt, weil sie ihre Brille nicht wiederfinden kann und jemanden zum Suchen braucht. "Bei diesen Gelegenheiten geht es sonst oft um Personen aus der Vergangenheit, wir trösten und beruhigen, aber zum Glück wird auch oft gelacht", so die Pflegeschwester. Für sie wird es Zeit, die Mittagsmedikation vorzubereiten, den Blutzucker zu messen, Insulin zu verabreichen und die Tabletten einzuteilen. Das folgende Mittagessen ist ein wichtiges Ritual. Nicole Assmann: "Wir legen sehr viel Wert darauf, die Mahlzeit mit kulturellem Anspruch zu ermöglichen, auch wenn viele Bewohner schon nicht mehr wissen, wie man mit Besteck und Servietten umgeht."

Wenn die Tische abgeräumt, die Geschirrspüler bedient und das gesamte Umfeld gereinigt sind, kann die Dokumentation am PC erfolgen. Dazu gehört unter anderem, Beratungsgespräche wiederzugeben, Vitalwerte zu bewerten, Fallbesprechungen im Team darzulegen und die erbrachten Leistungen abzuzeichnen.

Wer in einem Altenheim arbeitet, ist täglich von Menschen umgeben, für die die letzte Lebensphase angebrochen ist. Was reizt daran, hier seine ganze Energie einzusetzen? "Nach mehrjähriger Arbeit in der häuslichen Krankenpflege und einer betreuten Dementenwohngruppe habe ich mir den Kontakt zu einer festen Bezugsgruppe gewünscht, was hier der Fall ist. Ich bin sozial veranlagt und finde es wichtig, zu helfen. Die Menschen hier freuen sich über die Hilfe und zeigen es mir deutlich. Das ist ein großer Antrieb." Und wie ist es, immer wieder mit dem Tod konfrontiert zu sein? "Man lernt, etwas Abstand zu bekommen, aber trotzdem bleibt der Tod immer etwas Trauriges, nichts, was nebenbei passiert."

Um 13.15 Uhr wird der Spätdienst über alle Geschehnisse informiert. Nicole Assmann freut sich auf den Feierabend. Jetzt fordert ihr sechsjähriger Sohn ihre ganze Aufmerksamkeit.

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