zur Navigation springen
Zeitung für Lübz, Goldberg, Plau

19. November 2017 | 11:45 Uhr

Vom Stammtisch : „Heinrich, mir graut’s vor dir“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für Lübz – Goldberg – Plau

Der jüngste Plauer CDU-Stammtisch erlebte Goethes „Faust“ in anderthalb Stunden und mit nur einem Schauspieler. Das Parchimer Landestheater macht es möglich.

svz.de von
erstellt am 12.Okt.2014 | 22:00 Uhr

So hat man Goethes „Faust“ wohl noch nie gesehen: Der Parchimer Schauspieler Steffen Schlösser spielte das von Thilo Schüßler leicht veränderte Stück „Der Tragödie erster Teil für einen Schauspieler und ein Publikum“ beim jüngsten Plauer CDU-Stammtisch in anderthalb Stunden. Auch die „Zueignung“, das „Vorspiel auf dem Theater“ und der „Prolog im Himmel“ hat das zahlreiche Plauer Publikum so wohl noch nie erlebt - dialogisch von ein und demselben gesprochen, dazu noch manchmal mit russischem oder französischem Akzent. Und wie der Titel verrät: Das Publikum spielte mit - freudig und mit durchaus anerkennenswertem Können.

Ob nun Studiosus Wagner, Gretchen, deren Nachbarin Marthe Schwerdtlein oder ihr Bruder Valentin – alle diese Figuren wurden im Publikum entdeckt und nach vorn geholt. Dass beim „Osterspaziergang“ der Faust-Monolog in ein Duett mit dem Publikum umgewandelt wurde, darf dann auch nicht verwundern. Steffen Schlösser forderte: „Bei allen frostigen Begriffen geben Sie mir ein Brrr...“ Der Leser wird sich an den Anfang erinnern: Schlösser/Faust: „Vom Eise (Publikum: brrrr) befreit…“, gefolgt vom „alten Winter“ und „ohnmächtigen Schauern körnigen Eises“. Als das Publikum bei „aber die Sonne duldet kein Weißes“ schwieg, erinnerte Schlösser, dass damit Schnee gemeint ist - also ein „Brrr“ nötig ist.

Auch sonst war die geistige Mitarbeit der Zuschauer gefordert. Als Mephisto in Fausts Studierzimmer gefangen ist, weil auf der Schwelle ein Pentagramm eingeschnitzt ist, erkundigte sich Schlösser, ob denn jemand dieses ominöse Ding aufmalen könne – ein Plauer konnte. Allgemeinwissen forderte er ein, als er wissen wollte, wie lange Goethe denn am Faust geschrieben hätte (60 Jahre ließ er gelten) und wie hoch der Brocken, die höchste Erhebung im Harz, wäre (1141 Meter, auch das konnte jemand ihm sagen), wie denn auch, dass mit dem „Blocksberg“ der Brocken gemeint ist, wo Faust die Walpurgisnacht miterlebt.

So strebte die Handlung ihrem Höhepunkt zu. Faust besucht Gretchen (die nun leibhaftig aus dem Publikum geholt neben Schlösser saß) im Kerker und muss hören, dass sie sagt „Heinrich, mir graut’s vor dir“ (vorsorglich hatte Schlösser diesen bedeutungsschweren Satz auf einem Spickzettel notiert und ihr zugesteckt). Darauf verkündete eine Stimme von oben, dass Gretchen „gerettet“ wäre. Damit hatte auch die Plauer Aufführung ein End.

Lang anhaltender Beifall begleitete Steffen Schlösser bei seinem Abgang, der sich zudem über eine geräucherte Forelle freuen konnte, die ihm Rüdiger Hoppenhöft als Dankeschön überreichte. Ein gelungener CDU-Stammtisch dank der unkonventionellen Aufführung des Mecklenburgischen Landestheaters Parchim.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen