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Zeitung für Lübz, Goldberg, Plau

21. November 2017 | 07:35 Uhr

Im Portrait : Hausherrin & Philosophin der Stille

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für Lübz – Goldberg – Plau

Heute: Axinja Zieher, Betreiberin der Pension an der Bobziner Schleuse und Verfechterin der kulturellen Vielfalt in der Region

Weg führt hin, Straße kann man das kaum nennen. Wer hier wohnt, muss den Städten einen anderen Lifestyle entgegengesetzt haben. An einer Seite des Anwesens grenzt der Hochwald. Auf einer anderen ein träge ziehender Kanal. Axinja Zieher ist Herrin dieses teilweise Hanggrundstücks von beachtlicher Größe und Steigung. Das Zauntor ist weit geöffnet, als ich an die Haustüre klopfe, antwortet sofort ein Echo: „Ist offen.“

Offen scheint auch der Mensch, der mich gut gelaunt begrüßt. Von diesem Zeitpunkt an erwarten mich anderthalb Stunden sprudelnd herzhafter Kommunikation von ihrer Seite und eine Führung durch Haus und Hof. Auf winterlichen Rückzug deuten weder Haus noch Hausherrin. Als Inhaberin einer Pension kann Axinja Zieher sich ein sprachloses Eremiten-Dasein auch kaum leisten. Und umgekehrt entspricht ihre Profession sicher auch ihrem Naturell. „Ich muss versorgen, ja“, sagt sie, „aber ich erhalte viel zurück. Die Begegnung mit den Menschen ist mir sogar mehr wert als das Geld, das die Gäste rüberschieben.“

Das Hausinnere wirkt wie eine Weiterung ihrer Person. Überall individuelles Inventar, Lieblingsstücke vermutlich. Was sich optisch zurückhalten soll, ist weiß, auch die großen Schränke im Speisezimmer haben einen weißen Überzug erhalten. Hier, wo die Gäste sich zusammenfinden, und die Hausherrin nicht nur serviert, sondern auch kommuniziert, residiert in der Mitte ein Vier-Meter-Tisch, bedeckt mit einem ellenlangen Damasttafeltuch. Gediegener Old-Style und modischer Landhausstil gehen bei Axinja in eins. Als ich die üppig gerafften Vorhänge zu Seiten der Speisezimmerfenster bewundere, natürlich sind sie weiß und scheinen zu schweben, verrät sie: „Aus alten Stoffen selbst genäht.“ Was umgehend zur Frage nach der Ausbildung der Hausherrin animiert: „Ich habe mich zur Hauswirtschaftlichen Betriebsleiterin ausbilden lassen.“ Sehr vielseitig sei dieses Studium gewesen, sagt sie, und man glaubt es postwendend.

In diesem Jahr wird Axinja Zieher einen runden Geburtstag feiern, unprätentios verrät sie ihren Jahrgang 1957. Geboren und aufgewachsen im Kreis Plön nahe Kiel, wanderte sie mit zwanzig Jahren ins pulsierende Berlin aus. Mitte dreißig machte sie sich mit ihrem Lebensgefährten wieder auf, jetzt nach Mecklenburg und hier ist sie noch. Das 1993 erworbene Haus in Bobzin wurde mit viel Unterstützung, wie sie ausdrücklich betont, hergerichtet. Hier heiratete sie auch. Und hier begann ganz von selbst der Lernprozess in punkto Natur. Wer so wohnt, kommt nicht umhin, aber das Bestimmen à la Naturkundebuch – dort ein Otter, hier ein Rotmilan – bringt die Natur nicht wirklich näher. „Man muss sich auf die Stille einlassen und aufmerksam sein. Die Sinne schärfen: Was hör ich, seh ich, riech ich?“ sagt sie. Hier habe sie gelernt, dass die Natur „ein totaler Kraftspender“ sei. Auch ihre Gäste müssen sich beschränken: Hier gibt es kein WLAN und keinen Handyempfang. Aber, wie einsam fühlen wir Kinder der Technik uns denn, ausgesetzt bei Axinja Zieher? Sie lacht. „Hier entdecken Sie, welchen Gewinn es bringt, im Urlaub loszulassen. Über die Einsamkeit finden die Menschen wieder zu sich selbst.“

Mecklenburg nennt Axinja „Land der Inspirationen“ und fragt sich: „Wissen die Menschen hier eigentlich, welche Kostbarkeiten sie umgeben?“ Sie wünscht sich mehr kulturelles Interesse. „In kulturell träge Regionen mag auch niemand investieren. Es reicht nicht, dass man hier Rad fahren kann.“ Und dann machen wir eine Runde ums Haus und gucken, wie weit die Perlhyazinthen sich schon ins Überirdische gewagt haben. Jetzt ist es auch Zeit für meine Schlussfrage: Was glaube Axinja Zieher am besten zu können? „Ich kann sehr ausdauernd sein“, antwortet sie nach einer kleinen Pause. Am Ende erhalte ich noch die Einladung, ihr schönes Grundstück im Sommer mit ihr und ihren Gästen zu teilen. „Kommen Sie vorbei, aber nicht, wenn das Tor geschlossen ist.“ Dann hat sie sich vermutlich in die Stille zurückgezogen.  

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