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19. November 2017 | 11:42 Uhr

Haus bei minus 20 Grad geflutet

vom

svz.de von
erstellt am 09.Feb.2012 | 05:36 Uhr

lübz | Montagnacht, kurz nach 2.30 Uhr, Parchimer Straße 15 in Lübz. Jürgen Schreyl ist auf dem Weg zur Arbeit, als er nach Verlassen der letzten Stufe der ins Obergeschoss seines Hauses führenden Treppe plötzlich bis zur Wade in eiskaltem, dreckigen Wasser steht. So rücksichtsvoll leise die Schritte wegen der noch schlafenden Frau eben waren, so aufgeregt und entsprechend lauter sind die jetzt folgenden Worte. "Er rief ,Steh bloß schnell auf, hier steht alles unter Wasser!’", berichtet Ruth Schreyl. "Ich sagte zuerst nur ,Du spinnst’, bis ich unter anderem meine gerade neu gekauften Schuhe und die Puppensammlung auf mich zutreiben sah - eine Katastrophe." Flur, Wohnzimmer, Küche und Raum vorm Wintergarten - alles ist rund 20 Zentimeter hoch überflutet. Doch damit nicht genug. Auf dem Flur drückt durch die Außenwand über den Versorgungschacht im Boden mit hohem Druck ununterbrochen mehr Wasser in das Haus und dringt jetzt auch schon in ein Zimmer beim Wand an Wand wohnenden Nachbarn ein.

Nacht für Bereitschaftsdienst der Stadtwerke um 3 Uhr zuende

Offensichtlich ist die Trinkwasserleitung gebrochen. Deshalb ruft Ruth Schreyl die Stadtwerke an. Über wöchentlich festgelegte Bereitschaftsdienste ist der Energieversorger ohne Ausnahme 24 Stunden erreichbar. Mit dem Anruf aus der Parchimer Straße ist diesmal für Rohrleger Werner Dörfler die Nacht gegen 3 Uhr zuende. Er rückt aus und setzt vor Ort zunächst alles daran, den Durchfluss in der defekten Leitung zu unterbrechen, "abzuschiebern" also, wie es Fachleute nennen. Die auch in dieser Nacht herrschende Außentemperatur von knapp 20 Grad unter Null macht es ihm allerdings schon schwer, den kleinen Deckel im Bürgersteig zu öffnen. Er ist zugefroren und auch sein Innenleben fest. "Vor der Frostperiode hat es sehr viel geregnet. Das macht es jetzt merklich schwieriger, die Gestänge zu bewegen", erklärt Karl-Heinz-Dobbertin, Geschäftsführer der Stadtwerke Lübz GmbH.

Mittlerweile sei der Boden durchschnittlich 80 Zentimeter tief gefroren. Aus dem in der Parchimer Straße geplatzten, nur fünf Zentimeter starken Rohr schießt das Wasser in dieser Nacht mit einem Druck von fünf bar in den die Leitung umgebenden Kies. "Es sucht sich immer den einfachsten Weg und kommt deshalb in dem zur Straße hin höher verdichteten Teil schlechter voran als im zum Haus hin liegenden Bereich", so Dobbertin. Das über Stunden kubikmeterweise unkontrolliert und lange unbemerkt austretende Wasser überflutet nicht allein das Haus, sondern vor allem eine Seite der Parchimer Straße, die zunächst quadratmeterweise vereist. Später verschwindet das Eis teilweise wieder, weil das aus der Leitung kommende Wasser auf Dauer zu warm ist. Dafür reinigt es den anschließend fast durchgängig freigespülten Rinnstein, was der teilweise bis an die Kreuzung Parchimer/ Goldberger Straße getragene Kies verdeckt.

Bereits am Montagnachmittag war im Bobziner Weg eine 12,5 Zentimeter starke Versorgungsleitung an einer Schelle abgerissen. Von 16 bis 20 Uhr waren deshalb mehrere Kunden ohne Wasser, darunter auch das Betreute Wohnen. Bis 21 Uhr hatten die Stadtwerke mit Unterstützung der Baufirma, mit der sie stets zusammenarbeitet, den Schaden behoben. In Karl-Heinz Dobbertin gärt allerdings eine Befürchtung: "Die meisten Rohrbrüche kommen erst dann, wenn der Frost aus dem Boden herausgeht, weil sich der Boden entspannt und die Rohre in Bewegung sind."

Deutlich mehr als sonst zu tun hatte zum Beispiel auch Gerd Frehse, Inhaber gleichnamigen Heizungs- und Sanitärbauunternehmens. Rund eine Woche vor Einbruch der seit rund 25 Jahren beständigsten Kälte bewies er einen siebten Sinn, wie der Lübzer sagt. Weil ihm die schon fast frühlingshaften Temperaturen merkwürdig erschienen, überprüfte der Meister zum Beispiel die Heizungsanlagen in verschiedenen Dörfern stehenden Ferienhäuser, für deren Wartung er verantwortlich ist. "In der Regel stand alles auf aus. Das hätte richtig geknallt", sagt Frehse. "Das Wasser muss zirkulieren, weshalb auch die Frostschutzstellung bei so extremen Temperaturen möglicherweise nicht ausreicht."

Als Schwachpunkte im Haus erwiesen sich unter anderem in Dachabseiten verlaufende Heizungsrohre. "Auch die können trotz guter Isolierung einfrieren. Da reicht ein Stromausfall, der die Heizung zum Stillstand bringt", so Frehse, der sich unter anderem auch um eine von innen komplett durch Eis verschlossene Abwasserleitung kümmern musste, die an der Außenwand eines Hauses entlang läuft. Sein Kommentar: "Ich weiß nicht, wer die installiert hat."

Ein Gebäudereinigungsunternehmen hat bei Familie Schreyl zwar den größten Dreck beseitigt, doch auch in allen noch stehenden Schränken liegt eine Sandschicht, Wäsche, Bücher und vor allem fast alle wichtigen Papiere sind von dem dreckigen Wasser durchweicht. Hinzu kommt, dass die Wände das Wasser aufgesogen haben. "Das Wohnzimmer zum Beispiel haben wir erst vor rund zwei Jahren renoviert", sagt Jürgen Schreyl. "Jetzt können wir auch dort alles wieder rausreißen - egal, ob Fußbodenbelag, unter dem noch das Wasser steht, oder Wandvertäfelung." Alle Hoffnung ruht jetzt auf den Versicherungen. Sie untersuchen noch.

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