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Zeitung für Lübz, Goldberg, Plau

20. September 2017 | 03:47 Uhr

Kultureller Ort : Harmonie, Ekstase und Widerspruch

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für Lübz – Goldberg – Plau

Musikalische Improvisation in Wangelin: Vier Virtuosen gaben ein hochspannendes improvisiertes Konzert im Lehmhaus

Zeitig waren sie da. Die beiden ersten Gäste des Konzerts am Sonnabend kamen aus Wismar nach Wangelin. Kathrin Müller und Ulrich Bäcker sind eingeschworene Fans des Ortes, der ungezwungenen Atmosphäre dort und der Konzertreihe „Jenseits der Stille“. „Wir sind überall, wo Warnfried Altmann spielt“, sagt Bäcker schmunzelnd. Aber er war auch schon häufig da, wo dieser gewisse Conny Bauer mit seiner Posaune auftrat. Großartig sei die Mehrstimmigkeit, die der bekannte Alt-Jazzer Bauer durch gleichzeitigen Gesang erzeugen könne, sagt der Besucher, der die eigene Posaune mehr oder weniger in die Ecke gestellt hat. Und Bauer beherrsche eine ganz besondere Atemtechnik, erfahren wir. Eine Technik der permanenten Atmung, den Aborigines abgeguckt.

Allerdings – dieses Konzert der Improvisationsmusik kannte keine „special guests“, auch wenn Conny Bauer aus Berlin und Christian Ramond mit dem Kontrabass gar aus Köln angereist waren. Und kannte auch keine Stars. Am offenen musikalischen „Gespräch“ nahmen die vier Protagonisten aus Publikumssicht völlig gleichgewichtig teil. Zwar spielte sich Saxophonist Altmann als Melodiemacher häufiger mit wunderbar klaren, melodischen Bögen hoch über die anderen hinaus, dies aber aufgrund der Dramaturgie, der Rolle, die sein Melodieinstrument im Zusammenspiel einzunehmen hat.

Grundvoraussetzung dieses gleichberechtigten Spiels war natürlich, dass die Könnerschaft der einzelnen Musiker auf ein und demselben Level bestand. Und das war der Fall. Wie eine Exposition, eine Einführung in ihre Spielkultur, wirkte daher ihr erstes Stück, das vor allen anderen den gern benutzten Begriff des „Klangteppich“ verdiente. Jetzt verbanden sich die Instrumente zu einem ausgedehnten harmonischen Gewebe. „Während des ersten Stücks hätte ich gerne Zwischenapplaus gespendet“, bemerkte hierzu einer der Besucher, aber er habe sich nicht getraut. Kräftigen Szenenapplaus erntete später der in Wangelin lebende, international tätige Perkussionist Klaus Kugel. Sein Solo war sicherlich eines der Spitzenklasse! Erstaunlich auch aus Publikumssicht: Des Drummers linke Hand klöppelte offenbar so schnell, dass man das Resultat hören, aber eigentlich nicht mehr sehen konnte. Der Schlägel schien still zu stehen.

Vergleichbar virtuos Kugels Rhythmuspartner Christian Ramond. Der schrubbte, zupfte und strich den Kontrabass mit einer Intensität, die jede Steigerung begleitete, wenn nicht gar ausgelassen antrieb. Horchen mussten alle vier jedenfalls beständig auf das, was die jeweils anderen vorgaben. Über zusammenhängende Sequenzen, sagt Conny Bauer später, könne er nichts sagen, so sehr sei er während des Konzerts im Augenblick. Im Augenblick entscheidet sich auch, w i e ein Spieler jeweils reagiert. Die vier sind als Musiker schließlich auch Individuen. Und so reagierte der heute über siebzig Jahre alte Bauer mit seiner Bassposaune gelegentlich äußerlich gefasst, aber innerlich ungeduldig auf die heroischen oder getragenen Anteile des Konzerts, den „Hymnus“, wie er sich ausdrückte. Hier und da packte er daher die „Spaßposaune“ aus, konterkarierte zum Beispiel auch Altmanns Spiel mit ulkigen Klangfiguren, komisch-tiefem Posaunenschall oder anderen wunderlichen Gebilden. Die verspielten Brechungen aber taten dem Konzert nur gut.

Die phantastischen Vier haben das Publikum an diesem Sonnabend jedenfalls mit- und hingerissen. Annähernd fünfzig Menschen spendeten herzhaft Applaus, Zugabe heischend. Es war ein Abend der Überraschungen, auch für die Virtuosen selbst, die tatsächlich in dieser Formation erst ein einziges Mal vorher vor Publikum aufgetreten waren.






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