Gallin-Kuppentin : Gutachtenschlacht um Hühnermast

Durch Ammoniak und Stickstoff hoch belastet wird des Gebiet um die Broilermastanlagen in Kuppentin. Die roten Linien umgrenzen die FFH-Gebiete (AE=Alte Elde, MB= Mühlbach), der rote Punkt markiert den Stall mit 29  500 Mastplätzen. LRT 3260 bezeichnet den Lebensraumtyp „Natürliches und naturnahes Fließgewässer mit Unterwasservegetation“. Fotos:  Ilja Baatz
Durch Ammoniak und Stickstoff hoch belastet wird des Gebiet um die Broilermastanlagen in Kuppentin. Die roten Linien umgrenzen die FFH-Gebiete (AE=Alte Elde, MB= Mühlbach), der rote Punkt markiert den Stall mit 29 500 Mastplätzen. LRT 3260 bezeichnet den Lebensraumtyp „Natürliches und naturnahes Fließgewässer mit Unterwasservegetation“. Fotos: Ilja Baatz

Nach einem Erörterungstermin zur Mastanlage Gallin-Kuppentin gibt es weiterhin Klärungsbedarf. Umweltschützer bestehen jedoch auf weitere Gutachten.

svz.de von
02. Juli 2014, 22:00 Uhr

Das jahrelange Hin und Her um die Erweiterung einer Hühnermastanlage in Gallin-Kuppentin geht weiter. Obwohl das Staatliche Amt für Landwirtschaft und Umwelt 2011 eine Betriebsgenehmigung erteilte, steht der Investor vor dem Nichts. Denn Naturschützer klagten und bekamen Recht. Ein neuer Erörterungstermin brachte kein Ergebnis – aber eine Gutachtenschlacht.

Das hatte sich Andreas Brosseit als Investor so schön vorgestellt: Seine in Kuppentin nordöstlich der Mühlenstraße (Kreisstraße 28) mit 29 500 Plätzen bestehende Broiler-Mastanlage wollte er um zwei Neubauten auf dann insgesamt 131 500 Plätze (und um ein Heizwerk) erweitern. Die dadurch erhöhte Schadstoffbelastung durch Ammoniak und Stickstoff sollte im Gegenzug durch die Verkleinerung der Altanlage innerhalb des Dorfes von 38 580 um 12 320 Mastplätze und die Bereitstellung einer 6,4 Hektar großen Extensiv-Wiesenfläche reduziert werden.

Seine Pläne reichte der Investor 2008 bei der Genehmigungsbehörde ein, dem Staatlichen Amt für Landwirtschaft und Umwelt (StALU). Das Genehmigungsverfahren musste aufgrund der Anlagengröße gemäß den Bestimmungen des Bundesimmissionsschutzgesetzes (BimschG) mit Beteiligung von Vertretern öffentlicher Belange durchgeführt werden. In unmittelbarer Nähe der geplanten Anlage befinden sich mit „Alte Elde“ und „Mühlbach“ gleich zwei Natura-2000- und Fauna-Flora-Habitat(FFH)-Schutzgebiete.

Im Mai 2010 beraumte das StALU einen Erörterungstermin an. Dafür lagen 322 Einwendungen vor. Bezweifelt wurde vor allem ein Gutachten mit der Aussage, dass es trotz der höheren Mastplatzzahlen keine Mehrbelastung an Ammoniak und Stickstoff geben werde. Das StALU erteilte danach eine vorläufige Baugenehmigung und im Mai 2011 dann die Betriebsgenehmigung. Daraufhin wurden die beiden Ställe gebaut und im August 2012 in Betrieb genommen.

Gegen die Genehmigungen legten sowohl die BUND-Ortsgruppe als auch der MV-Landesverband Widerspruch ein. Ihre Begründung: Die in den Genehmigungsunterlagen enthaltene FFH-Voruntersuchung reiche nicht aus, um die erheblich nachteiligen Folgen für den Erhaltungszustand der FFH-Gebiete und seiner schützenswerten Arten definitiv ausschließen zu können.

Eine derartige Voruntersuchung könne nicht als Grundlage für die Genehmigung einer Anlage dieser Größenordnung herangezogen werden. Nach drei Durchgängen der neuen Mastanlage wurde deren Betrieb vom Oberverwaltungsgericht Greifswald im November 2012 mit sofortiger Wirkung gestoppt und ein umfassendes FFH-Gutachten verlangt.

Dazu fand jetzt im Galliner Gemeindehaus unter StALU-Regie ein weiterer Erörterungstermin statt. Grundlage dafür war das FFH-Gutachten des Ingenieurbüros Dr. Wilfried Eckhof (Ahrensfelde). Dazu lagen 18 weitere Einwendungen vor. Sowohl Paul Beck als örtlicher BUND-Vertreter und Nachbar der Anlage, Ga-briele von Fuchs als Sprecherin der örtlichen Bürgerinitiative und die BUND-Landesvorsitzende Corinna Cwielag monierten etliche Fehler in der Vorgehensweise der Gutachter. So waren z. B. die Klimadaten von Marnitz zur Berechnung der Ausbreitung von Ammoniak und Stickstoff herangezogen worden, „obwohl dessen Topographie mit Kuppentin nicht vergleichbar ist“. Corinna Cwielag beantragte deshalb eine neue Berechnung, wegen der Gebäudemaße auch unter Berücksichtigung ihrer Strömungs- und Zirkulationseffekte.

Angezweifelt wurden auch die Annahmen der Gutachter zur Ausbreitung des Stickstoffs. Hierbei war mit einer Depositionsgeschwindigkeit gerechnet worden, der zufolge sich im Umfeld der Mastanlage jährlich pro Hektar elf Kilogramm Stickstoff ablagern und deshalb eine Gefährdung der FFH-Gebiete auszuschließen sei. Der BUND hingegen hatte mehr als 20 Kilogramm ermittelt, was die Belastungsgrenze für die FFH-Lebensräume überschreite und forderte deshalb eine Neuberechnung. Auch seien die bestehenden Belastungen durch die Altanlagen weder berücksichtigt noch in eine Kumulationsberechnung einbezogen worden. „Das ist fachlich nicht tragbar,“ monierte der BUND.

Zudem sei die als wirksame Reduktionsmaßnahme propagierte Einbeziehung der 6,4 Hektar großen Wiesenfläche pure Augenwischerei, denn sie werde ohnehin bereits extensiv bewirtschaftet und im Rahmen einer Naturschutzvertragsregelung sogar gedüngt.

Gegen Schluss des siebenstündigen Anhörungstermins beantragte der BUND ein Verkehrsgutachten, „denn bei vollem Betrieb werden pro Jahr aus Kuppentin fast 1,3 Millionen Broiler ausgestallt“.



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