Restauratorenwerkstatt in Wismar : Gischows Altarbild wird aufgepäppelt

<fettakgl>Restauratorin Annette Seiffert begutachtet</fettakgl> die Schadstellen an der Malerei in Gischow.<fotos>Bernd möschl</fotos>
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Restauratorin Annette Seiffert begutachtet die Schadstellen an der Malerei in Gischow.Bernd möschl

Vor wenigen Wochen wurde das Altarbild in der Gischower Dorfkirche vorsichtig abmontiert. Mittlerweile verweilt das Triptychon in einer Restauratorenwerkstatt in Wismar – dort wird es aufgepäppelt.

svz.de von
10. Januar 2013, 10:18 Uhr

Gischow/Wismar | Ziemlich ungewohnt ist den Besuchern des traditionellen Gottesdienstes in der Fachwerkkirche zu Gischow der Anblick ihres gotischen Schnitzaltars schon vorgekommen. Allein die "goldene" Madonna mit dem Jesuskind im Rosenkranz als Mittelbild des Triptychons sowie die mit sechs Schlüsselszenen der "Barmherzigkeit" bemalte Predella des spätmittelalterlichen Sakralkunstwerkes war an Ort und Stelle verblieben. Bis Ende April zogen die beiden Altarflügel um nach Wismar in die renommierte Restauratorenwerkstatt von Annette und Erhard Seiffert (wir berichteten).

Die Räume der Restauratorenwerkstatt bieten ein ganz ähnliches Klima wie die Gischower Dorfkirche, denn sie sind selbst Jahrhunderte lang als Kirche genutzt worden. Akribisch begutachten die erfahrenen Restauratoren die vom "arbeitenden" Holz (durch Schwankungen in Luftfeuchte, Temperatur und andere Umwelteinflüsse) hervorgerufenen Risse und Fehlstellen in der Bemalung. Annette Seiffert erläutert Details aus der Arbeitsweise des Malers, der den hölzernen Untergrund teilweise mit einem halben Dutzend Schichten aus Kreideschlamm grundierte, bevor er ein einziges Farbpigment aufbrachte. Und die im ausgehenden 15. Jahrhundert gern kräftig leuchtend verwendeten Farbtöne bestanden meist aus fein pulverisierten Mineralien, aber auch Erdfarben wie Ocker oder Ruß, Holzkohle oder verkohltem Elfenbein für die schwarzen Schattierungen.

Was heute auf den Bildern etwa im Ornament der roten Randleiste oder bei den sichtbaren Unterkleidern der kirchlichen Würdenträger "schwarz" erscheint, sei übrigens ursprünglich silbern gemalt gewesen, ergänzt Erhard Seiffert. Wie sich wohl jeder Foto amateur noch an "analoge" Zeiten mit Filmentwicklung erinnere, habe dieses glänzende Metall allerdings die Eigenart, sich mit der Zeit einzuschwärzen, je nachdem wie stark es Licht ausgesetzt ist. Tageslicht habe dem Gischower Altar aufsatz in der Tat stark zugesetzt, weshalb nicht nur das irgendwann mal nachträglich direkt im Ostchor angebrachte Kirchenfenster gerade wieder vermauert worden sei, sondern inzwischen auch zusätzliche Rollos das einfallende Licht von Süden her dämpfen.

Um den Heutigen etwas mehr "Licht in das Dunkel" der Vorstellungswelt jener Menschen des ausgehenden Mittelalters zu bringen, für die das Altarbild einst gemalt worden war, hat Gischows Pastorin Ulrike Kloss sowohl detaillierte wissenschaftliche Studien zur mecklenburgischen Kirchengeschichte als auch die kenntnisreichen Briefe der Hauptsponsoren dieser Restaurierung Ilse und Hans-Dieter Wacker zur Hand.

Letztere interpretieren die gemalte Gregorsmesse von Gischow so: "Gregor dem Großen war es auferlegt, dem Zweifel an der Eucharistie durch ein Wunder Gewissheit entgegenzustellen. Gregors Gebet wurde erhört: Der Gekreuzigte (nebst den bekannten Zeugen seines Leidenswegs) erscheint auf dem Altar und lässt sein Blut in den Messkelch und zu den niederknienden Gläubigen (sowohl zu dem Mönch Gregor als auch zu den Armen Seelen im Fegefeuer) hernieder fließen."

Das linksseitige Klappengemälde des Gischower Altarschranks zeigt diese Schlüsselszene des christlichen Glaubens in symbolhafter Bildsprache. Dies ist eine Sprache, die schon im ausgehenden 15. Jahrhundert jeder Gläubige verstand, auch wenn er die Bibel nicht lesen konnte. Und dies betraf gerade auf dem Lande wohl fast jeden. Der gläubige Betrachter eines solchen Bildes erlebte nicht nur das Messwunder Gregors nach, er stand quasi mit am Kreuzweg und wurde der Passion Christi in all ihren Stationen gewahr, aber auch der Verheißung.

In dem Gischower Altargemälde aus der von Zweifeln übervollen Zeit kurz vor der Reformation geht es demnach um nicht mehr und nicht weniger als den "unmissverständlichen Ausdruck realer Nähe Gottes" und zwar in jeder Messe, dieser heiligen Feier. Die kirchlichen Würdenträger insbesondere auf der rechten Seite des in Gischow erhalten gebliebenen Bildprogramms sollten vermutlich - allein schon durch den Platz, den der Künstler ihnen in seiner Darstellung einräumte - sowohl die Bedeutsamkeit der Zeremonie als auch einen gewissen Machtanspruch der Kurie ausdrücken.

Diplom-Restauratorin Annette Seiffert hat sich vorgenommen, diese über 800 Jahre erhalten gebliebene Malerei möglichst nahe an ihr Originalerscheinungsbild zurückzuführen, indem sie die sichtbaren Schichten behutsam reinigt, konserviert und einige wenige ausgewählte Fehlstellen in der ursprünglichen Machart ergänzt. Dabei stützt sie sich auf Begutachtung und Fachaufsicht des zuständigen Landesamts für Kultur- und Denkmalpflege, wohl wissend, dass die heutige Gischower Kirch gemeinde gern mehr von der Fleckentilgung hätte. Jedwede Ergänzung ohne sichere Vorlage sei jedoch zwangsläufig subjektiv geprägt und daher nur in seltenen Ausnahmen zulässig, betont Annette Seiffert. Man wolle das einzigartige Kunstwerk doch nicht verfälschen.

Die heutzutage herausragende Bedeutung des Gischower Exemplars unterstreicht die Fachfrau noch mit dem Hinweis auf die einst unumstritten künstlerisch wie historisch umfassendste Sammlung von Darstellungen der Gregorsmesse im Lübecker Dom, die allerdings durch Feuer mitten im Zweiten Weltkrieg unwiederbringlich verloren ging. Umso wertvoller und weit über ihre Gemeinden hinaus bedeutsamer sei das gerade in vielen kleinen Dorfkirchen Mecklenburgs und Vorpommerns erhalten gebliebene religiöse Kulturgut, für dessen Sicherung und weitestgehend originalgetreue Wiederherstellung die Wismarer Restauratoren und ihre Kollegen all ihr Wissen, Können und jahrzehntelange Erfahrung einsetzen.

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