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Restaurierung der mittelalterlichen Malerei gestartet : Gischows Altar zum Fest ohne Flügel

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Kurz vor Weihnachten zieht das Altarbild der Gischower Kirche um: von Gischow nach Wismar. Dort wird es in der Werkstatt von Annette und Erhard Seiffert restauriert. Das Tafelbild stammt aus dem Mittelalter.

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erstellt am 19.Dez.2012 | 10:35 Uhr

Gischow | Die Männer, die das Licht in die kleine Dorfkirche tragen, sind keine Jünger der Heiligen Lucia. Statt Kerzen ziehen Arbeitslampen in Gischows Gotteshaus ein. Trotzdem hat die Aktion ganz viel mit einem Lichtblick zu tun, welcher - wie könnte es auch anders sein - mit Geld zu tun hat. Mit "sehr viel Geld in manchen Augen", sagt Pastorin Ulrike Kloss, die seit fünf Jahren "nicht nur für das Seelenheil" ihrer Gemeindeglieder - immerhin fast jeder dritte Einwohner in den Dörfern rund um zehn kleine Kirchen zwischen Parchim und Lübz - zuständig ist. Konkret geht es um ca. 11 000 Euro für die Restaurierung der vermeintlichen Rückseite des Gischower Rosenkranz-Altars, eines spätgotischen Kleinods aus dem 15. oder spätestens dem ersten Viertel des 16. Jahrhunderts.

Den Löwenanteil von 8 000 Euro haben Ilse und Hans-Dieter Wacker aus Halle gesponsert und die Deutsche Stiftung Denkmalpflege DSD stockte diesen Betrag jetzt auf - wohl auch weil die evangelische Kirchgemeinde immerhin 1000 Euro Eigenanteil aufbringt. Die weltliche Gemeinde (knapp 275 Einwohner in den beiden Dörfern Burow und Gischow) habe sich in den Vorjahren sehr stark bei der baulichen Sanierung der bald 300-jährigen Fachwerkkirche zu Gischow engagiert, merkt Pastorin Kloss dankbar an. Derzeit sei ihr Potenzial jedoch mit der Baumpflege u.a. der imposanten Linden an der feldsteinernden Kirchhofsmauer erschöpft.

Das heute in Angriff genommene Restaurationswerk wurde vom Kirchgemeinderat und dem zuständigen Landesamt für Kultur- und Denkmalpflege in die bewährten Händen von Annette und Erhard Seiffert gelegt, die 2007 bereits die ursprüngliche Farbenpracht der Predella - jenes überaus anschaulichen Bilderbandes der "Barmherzigkeit" am Fuße des dreiteiligen Altaraufsatzes - wiederherstellten. "Wir nehmen uns jetzt die gemalte Gregorsmesse vor", erklären die beiden Restauratoren. "Dafür müssen wir die beiden Seitenflügel des Triptychons mit in unsere Wismarer Werkstatt nehmen." Besagte Szenen befinden sich auf den Deckeln quasi im Rücken der geschnitzten Altarfiguren des Evangelisten Johannes und des Heiligen Servatius, welche das zentrale Altarbild der Madonna als Himmelskönigin (auf einer Mondsichel stehend im Strahlenkranz der Sonne, den ein Rosenkranz umfängt) flankieren.

All diese mit reichlich "Gold" verzierte Schnitzerei - durchaus einer Wallfahrtskirche würdig - sei ursprünglich nur zu hohen kirchlichen Feiertagen offenbart worden, erzählt Ulrike Kloss. Die Gläubigen hätten im Kirchenalltag statt dessen zur Andacht auf die Darstellung jenes Messwunders der Eucharistie (Wandlung) geblickt, welches dem im Jahre 590 als Papst geweihten Kirchenvater Gregor zugeschrieben wird. Die Pastorin der verbundenen Kirchengemeinden Groß Pankow, Redlin mit Lancken und Burow/Gischow hat für jeden Interessierten detaillierte wissenschaftliche Abhandlungen zur Geschichte und Symbolik dieses mittelalterlichen Bildwerkes zur Hand, welches in dieser Art heute im Mecklenburgischen nur noch in Retzow bei Bad Doberan und eben hier in Gischow am aussagekräftigsten erhalten ist. Was dieses zweigeteilte - fälschlicher Weise für rückseitig gehaltene - Tafelbild dem Ehepaar Wacker sagt, spricht Bände. In einem Brief an Pastorin Kloss liest sich die Quintessenz aus Glaubenssicht, Geschichts- und Kunstverständnis so: "Lässt man sich auf die Bildsprache des (leider unbekannten) Malers ein, der (bereits vor 500 Jahren) Überzeitliches im engen Rahmen komprimiert, so wird man fast an moderne Kunst erinnert. Und so etwas dürfte man nicht zu Staub zerfallen lassen." Um auszubessern, was "der Zahn der Zeit" Gischows gemalter Gregorsmesse angetan hat, haben Annette und Erhard Seiffert ab sofort sehr viel zu tun in ihrer Wismarer Restauratorenwerkstatt. Bis Ende April müssen die Dorfkirchenbesucher daher mit der Madonna im Rosenkranz alleine Vorlieb nehmen. Dann aber werde die Heimkehr der Altarflügel gebührend gefeiert, verspricht die Pastorin und bekräftigte zugleich, dass "Heiligabend 2012" an gewohnter Stelle Gottesdienst zelebriert werde, und zwar mit Orgel, Krippenspiel und allem, was dazu gehört, ab 14.30 Uhr in der Dorfkirche zu Gischow.

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