Lübzer Selbsthilfegruppe „Depression – Reden hilft“ : Gemeinsam weg von Verzweiflung

<strong>Depressionen nehmen</strong> allgemein zu. Sie allein zu überwinden, ist schlecht möglich. <foto>archiv/dpa</foto>
Depressionen nehmen allgemein zu. Sie allein zu überwinden, ist schlecht möglich. archiv/dpa

Die Lübzer Selbsthilfegruppe „Depression – Reden hilft“ besteht seit einem Jahr. Mitgründerin Eleonore Jekal hatte auch mit falschen Erwartungen zu tun. Die Mitglieder treffen sich jeden Mittwoch.

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07. Januar 2013, 10:34 Uhr

lübz | Fast auf den Tag genau vor einem Jahr wurde in Lübz die Selbsthilfegruppe "Depression - Reden hilft" ins Leben gerufen. "Die Ankündigung schlug damals Wogen, so dass zum ersten Treffen und auch noch im ersten Halbjahr viele Interessierte kamen", sagt Mitbegründerin Eleonore Jekal. "Dann ging die Zahl auf sieben bis acht zurück, mittlerweile sind wir ein fester Stamm von fünf Teilnehmern. Sie haben das Verlangen, regelmäßig in die Gruppe zu gehen, weil dort Zuhörer sind, die ihre Probleme verstehen." Auf die Frage, worin sie die Ursache für die beschriebene Entwicklung sieht, antwortet die 63-Jährige, dass die Erwartungen vielfach zu hoch geschraubt gewesen seien. Wer nach kurzer Zeit wieder wegbleibt, scheue sich, in die Öffentlichkeit zu gehen, denn zu einem einzigen Treffen zu kommen bedeute nicht, zu seiner Krankheit zu stehen, was aber Grundlage sei, Fortschritte zu erzielen: "Viele dachten und denken offensichtlich, dass sie schon nach einem kurzen Gespräch etwas in die Hand bekommen, was sie gesund macht. Das ist nicht so. Die auf längere Zeit angelegte Regelmäßigkeit macht es, daraus erwächst das Bedürfnis. Weil jeder über seine Probleme spricht, bekommt der andere Anhaltspunkte für sein Handeln, seinen Umgang mit der Krankheit." Was - wie öfter zu hören - etwa durch den Satz "Die reden ja nur über ihre Krankheit" beklagt werde, sei Sinn der Sache. Dass Schnelligkeit nicht dazu geeignet sei, Entlastung zu bringen, könne man auch daran erkennen, dass eine Depression auf keinen Fall von einer Sekunde auf die andere aus dem Nichts auftauche und ihr Abbau ebenfalls entsprechend lange dauere.

Beschriebenes Verhalten, das nicht dem Ziel der Arbeit in der Selbsthilfegruppe entspreche, hänge auch mit der Krankheit selbst zusammen. Viele seien zum Beispiel durch zahllose Therapien ungeduldig geworden und glaubten nun, es nach kurzem Zuhören endlich geschafft zu haben - oft auch ein Ausdruck von Verzweiflung. "Die Treffen sind freiwillig und jeder entscheidet selbst, was er will. Immer wieder ist es schwierig, einigen Betroffenen zu verdeutlichen, dass es wichtig ist, auch in den Zeiten dabei zu bleiben, wenn es ihnen gut geht, denn die Gefahr eines Rückfalls ist ständig gegeben", sagt Eleonore Jekal.

Einmalige Teilnahme bringt noch keinen Erfolg

Wer als Betroffener erzählt, wirke sowohl auf die Gruppe als auch sich selbst positiv, weil er einerseits Belastung herauslasse und gleichzeitig anderen die Möglichkeit gebe, von Erfahrungen zu profitieren/Dinge aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten.

Eleonore Jekal empfindet es als gut, dass die "Stammtruppe" steht, zeigt sich jedoch gleichzeitig enttäuscht über das häufige Unverständnis, mit einmaliger Teilnahme nichts erreichen zu können. Ob das umgehende Wegbleiben jeweils auf die Krankheit oder mangelnde Ausdauer zurück zu führen sei, könne man nur schwer beurteilen. Ohne Frage stehe jedoch nicht Unzufriedenheit an erster Stelle - im Gegenteil: "Momentan ist es so, dass immerhin fünf Menschen durch den Austausch in der Gruppe besser leben. Ohne ihn hätten mehrere nicht das tun können, wozu sie heute in der Lage sind. Und die positive Wirkung strahlt nicht allein auf sie, sondern auch auf ihr Umfeld aus, das ebenfalls oft sehr belastet ist."

Als Logopädin hatte Eleonore Jekal einen großen Bekanntenkreis, durch den sie auch von vielen Problemen erfuhr und irgendwann merkte, dass es ihr nicht besser geht, ohne dies vorher gemerkt zu haben. Es war der Anlass dafür, die Selbsthilfegruppe zu gründen. Traurig zeigt sich die 63-Jährige heute zum Beispiel darüber, dass Ehe- und Lebenspartner oft nicht zur Erkrankung des anderen stehen/sie nicht ernst nehmen und stattdessen schädigende, sinnlose Sprüche wie etwa "Reiß Dich mal zusammen!" von sich geben und (wie schon persönlich miterlebt) sogar heftig davon abraten, Selbsthilfegruppen aufzusuchen. "Erschreckend und damit noch eine Stufe schlimmer finde ich, dass sie immer wieder als Konkurrenz zu Institutionen angesehen werden, die sich professionell mit Erkrankten beschäftigen", sagt die Mitbegründerin. "Das wollte ich gar nicht glauben. Klar ist: Wir sind keine Konkurrenz, sondern Partner."

Die Mitglieder der Selbsthilfegruppe "Depression - Reden hilft" treffen sich nach wie vor jeden Mittwoch um 18.30 Uhr in der Praxis für Ergo- und Logopädie, An der Brücke 1, in Lübz. Interessenten können sich jederzeit unter der Telefonnummer 03 87 31/ 2 46 33 melden.

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