kommunalpolitik : Gehlsbach lehnt Windräder ab

Hanni Stolper (r.), Bürgermeisterin der Gemeinde Gehlsbach,...
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Hanni Stolper (r.), Bürgermeisterin der Gemeinde Gehlsbach,...

Gemeinde will Bau keiner Anlage auf ihrem Gebiet zulassen / Bürgermeisterin: „Wenige bereichern sich auf Kosten der Allgemeinheit“

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03. April 2015, 21:00 Uhr

Schockiert hat man in der Gemeinde Gehls-bach die Planung vom möglichen Potential des Ausbaus der Windenergie aufgenommen. „Wir sind bereits seit sechs Jahren der Auffassung, dass in unserer Gegend schon genügend Windräder stehen und wollen stattdessen den Naturschutz in den Vordergrund stellen“, sagt Bürgermeisterin Hanni Stolper. Vor fünf Jahren habe man ähnliche Planungen wie jetzt mit Hilfe eines Fachbüros, das eine Umweltverträglichkeitsstudie erstellte, abwenden können. Es soll jetzt erneut zum Einsatz kommen, um die – wie vom Regionalen Planungsverband gefordert – „qualifizierte Stellungnahme“ abgeben zu können. Noch warte man auf die Zusage der beantragten Fördermittel.

Als größte Besonderheit nennt die Bürgermeisterin mehrere kleine so genannte „Flora-Fauna-Habitate“ (kurz FFH), in denen viele bedrohte Tier- und Pflanzenarten leben. In West-Ost-Richtung reichten sie vom Rand Ganzlins bis in den Kreiener Bereich und im Süden bis zum Siggelkower Sander – nicht zu vergessen das ehemalige russische Panzerübungs- und Raketenabwurfgebiet Retzower Heide, das sich seit der Schließung in ein besonders wertvolles Areal verwandelt habe.

„In den großen, aus kleinen Gebieten zusammengefassten Naturschutzraum mit entsprechendem Umfang, in dem man höchstens sanften Tourismus zulassen würde, sind Windräder Fremdkörper“, sagt Hanni Stolper. „Unsere Gemeindevertreter haben im Oktober 2014 einstimmig beschlossen, den Bau von Windrädern auf unserem Gebiet abzulehnen.“ Dies gründe sich auch auf den Willen der Einwohner. Sie waren im Vorfeld zu einer Versammlung eingeladen. Alle Besucher hatten ihr Missfallen geäußert, was den Bau von Windkraftanlagen betrifft.

Die Bürgermeisterin ärgere sich darüber, dass in der Gesamtbetrachtung in Westmecklenburg „Korridore mit Windrädern zugepflastert“ werden, wodurch auch der Landwirtschaft wertvoller Boden verloren gehe, in Gegenden mit vergleichsweise wertlosem Boden jedoch so gut wie keines stehe. „Teilweise wird so viel Strom produziert, dass er nicht gebraucht wird und die Windräder deshalb still stehen. Man hat oft keine Leitungs-trassen geplant beziehungsweise andere weigern sich einfach, sie aufzustellen“, sagt Hanni Stolper sichtlich aufgebracht. „Wer hat da geplant? Jeder private Geschäftsmann muss Auskunft über das letzte Stück Papier bei sich geben können – und hier? Ich sage es Ihnen: Hier gibt es riesige wirtschaftliche Interessen von wenigen, die reich werden und deren Einnahmen die Masse der Bevölkerung mit höheren Strompreisen bezahlt.“

Zwar werde Wind als natürliche Ressource genutzt, aber Nachhaltigkeit sei deshalb damit nicht automatisch verbunden. Abgesehen von den die Landschaft verschandelnden Anlagen, deren genaue Auswirkungen auf Natur und Mensch bis ins letzte Detail noch gar nicht bekannt seien, dürfe man auch ihre gigantischen, in der Erde versenkten Fundamente nicht vergessen.

Die neue Energieform werde immer noch so hoch subventioniert, dass Betreiber von Windkraftanlagen Eigentümern der Grundstücke, auf denen gebaut werden soll, nach wie vor „unglaubliche Pachtpreise“ zahlen könnten: „40 000 Euro zum Beispiel – im Jahr! Und das in einem Bundesland mit dem niedrigsten Durchschnittseinkommen, das bei 23 000 Euro liegt.“

Sehr viel hänge in Gehls-bach jetzt von der Gewähr der Fördermittel für die Gutachtenerstellung ab. Wenn bekannt sei, dass die Auszahlung erfolgt oder nicht, werde eine Einwohnerversammlung stattfinden – unabhängig davon sowieso Ende April. Bei diesem Termin gehe es darum, die Planungs-Kriterien (als Gesetz stehen die Windeignungsgebiete erst im Herbst fest)und Möglichkeiten der Bürger- und Gemeindebeteiligung zu erläutern. Auch zu Letztgenanntem hat Hanni Stolper eine klare Meinung. „Für die fast alle hoch verschuldeten Gemeinden in unserem Amt wäre es der absolute Wahnsinn, zusätzlich Kredite für so ein risikobehaftetes Projekt aufzunehmen“, sagt sie. „Ich habe zum Beispiel unsere Kita schließen müssen, weil finanziell nichts mehr ging. Und bekomme dann einen Millionenkredit bewilligt, um mich als Gemeinde an einem Windrad zu beteiligen. Dann erklären mich die Einwohner für verrückt – und das mit Recht.“ Tief in den roten Zahlen steckende Gemeindefinanzen durch eine Beteiligung an Windrädern sanieren zu wollen, sei ein „Irrglaube sondersgleichen“.

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