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Machbarkeitsstudie der Landgesellschaft M-V mbH : Gallin unabhängig von Öl und Erdgas?

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Im vergangenen Jahr hatte die Gemeinde beschlossen, an dem Projekt "(Bio)EnergieDörfer" teilzunehmen, um nicht mehr von fossilen Energieträgern abhängig und den stetigen Kostensteigerungen hilflos ausgesetzt zu sein.

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erstellt am 19.Mär.2011 | 04:11 Uhr

gallin | Am 30. August vergangenen Jahres hatten die Gemeindevertreter beschlossen, an dem landesweiten Projekt "(Bio)EnergieDörfer" teilzunehmen, um - so eine der Hauptbegründungen - nicht mehr von fossilen Energieträgern abhängig und den mit ihnen verbundenen stetigen Kostensteigerungen hilflos ausgesetzt zu sein.

Grundlage dafür, das Vorhaben umsetzen zu können, ist die Nutzung der beiden bereits arbeitenden Biogasanlagen des Landwirtschaftsbetriebes Grootes. Nach Auswertung der unter den Einwohnern verteilten Fragebögen steht fest: Etwa 66 Prozent der in Frage kommenden Wohneinheiten (nicht Wohnungen, weil eine Wohneinheit - wie auch hier - zum Beispiel einen ganzen Block umfassen kann) haben grundsätzlich Interesse daran bekundet, die von ihnen benötigte Energie aus einem Nahwärmenetz zu beziehen. Diese Zahl nannte Holger Görtemöller von der Landgesellschaft M-V mbH auf einer dieser Tage stattgefundenen Informationsveranstaltung.

Durch entsprechenden Beschluss beauftragten die Gemeindevertreter die Landgesellschaft Ende November 2010 damit, im Rahmen einer Machbarkeitsstudie zu prüfen, ob der Ausbau der Eigenversorgung wirtschaftlich wäre. Görtemöller zufolge sei dies sowohl wegen der günstigen, zentrumsnahen Lage der Biogasanlagen als auch wegen des kleindimensionierten Verteilernetzes gegeben (lange Leitungen schwächen die Effektivität).

Die überwiegend mit Rindergülle und Maissilage beschickten Anlagen besitzen eine elektrische Leistung in Höhe von jeweils rund 500 Kilowatt und produzieren zusammen gut 1100 Kilowatt Wärme. Von letzterer müsste man dort im Falle des Ausbaus etwa ein Drittel behalten, um die Anlagen ganzjährig auf einer zur Versorgung notwendigen Temperatur von etwa 40 Grad zu halten.

Schon jetzt mehr Wärme vorhanden als benötigt

Den Unterlagen zufolge könnten rund 800 Kilowatt Wärme abgegeben werden. Gemäß eingangs genannter Interessenbekundung wäre nur eine Gesamtleistung von 765 Kilowatt notwendig. Da jedoch nicht alle Nutzer zugleich die volle Leistung abforderten (von den Fachleuten mit "Gleichzeitigkeitsfaktor 0,85" umschrieben), liege die tatsächlich benötigte Leistung bei 650 Kilowatt.

Gegenwärtig gibt die bis jetzt nur zur Eigenversorgung des Hofes betriebene Biogasanlage über Notkühler jährlich rund fünf Millionen Kilowattstunden Abwärme an die Umwelt ab.

Auch an Biogasanlage weitere Investitionen notwendig

Dies sei laut Görtemöller "weder aus klimapolitischen Erwägungen noch aus Gründen entgangener regionaler Wertschöpfung heraus haltbar". Selbst wenn die Nahwärmeversorgung entstehen sollte, werde die Anlage nicht mit mehr Silage oder Gülle befüllt, stellte Grootes auf Nachfrage hin klar. Vielmehr seien bei ihm weitere Investitionen nötig, um das Projekt verwirklichen zu können.

Laut Untersuchungsbericht sind Brutto-Kosten in Höhe von gut 820 000 Euro zu erwarten - knapp 484 000 für Wärmeleitungen, gut 125 000 für 30 Hausübergabestationen und 80 000 als Baunebenkosten. Die mögliche Förderung liege bei rund 340 000 Euro (förderfähig sind immer nur die Nettokosten), so dass gut die doppelte Summe zu finanzieren wäre. Fast 131 000 Euro sind Mehrwertsteuer. Die Jahresbetriebskosten beziffert der Bericht auf insgesamt rund 84 000 Euro (inklusive Mehrwertsteuer).

Gegenüber einer Ölheizung gebe es ab dem zweiten Jahr (im ersten wären noch Ausgaben für die Zwischenfinanzierung der Fördermittel einzuplanen) laut Görtemöller einen Kostenvorteil in Höhe von 2,57 Cent pro Kilowattstunde: "Den Bürgern kann nicht nur eine Alternative zu den perspektivisch weiter steigenden Kosten für fossile Brennstoffe, sondern auch eine zunehmende Kostenentlastung geboten werden. Bei einem höheren Anschlussgrad würde sich der Vorteil noch deutlicher auswirken." Nicht unerwähnt bleiben dürfe darüber hinaus, dass sich der CO2-Ausstoß für ein Einfamilienhaus mit einem jährlichen Öl-Verbrauch von 2500 Litern bei Biogasbetrieb um rund 6,7 Kilogramm verringere.

Von Besuchern gestellte Fragen beschäftigten sich unter anderem mit der Finanzierung der neuen Technik - zum Beispiel mit der Übergabestation, die in jedem Haus eingebaut werden müsste. Eine kostet rund 2000 Euro, die nicht jeder sofort aufbringen kann. Der Untersuchungsbericht regt hinsichtlich dieser Problematik die Bildung einer regionalen Energiegenossenschaft an, in der die gleichberechtigten Mitglieder selbst die Verantwortung übernehmen. Die Klärung einer möglichen Betreiberstruktur habe laut Görtemöller wesentlichen Einfluss auf die Entscheidung, Investitionen auszulösen.

Auf die andere Frage, wie sich eine ins-tallierte Nahwärmeversorgung auf den Wert der Immobilie auswirken könne, antwortete Diplom-Agraringenieur Dr. Gerhard Rudolphi vom Genossenschaftsverband: "Ist es kein positives Verkaufsargument, wenn ich sagen kann, dass meine Heizkosten 20 bis 25 Prozent unter denen mit Öl liegen? Ich hoffe, dass das Interesse noch größer wird." Wichtig sei, schon im Vorfeld "keine Extreme aufzubauen". Das Projekt funktioniere nur, wenn alle Beteiligten einen wirtschaftlichen Vorteil erzielen.

Die nächste Informationsveranstaltung zum Thema Nahwärmenetz findet am Mittwoch nächster Woche, 23. März, um 18 Uhr ebenfalls im Galliner Gemeinderaum statt.

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