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24. Oktober 2017 | 06:13 Uhr

Gaby tauscht Tropenhitze gegen Frost und Flocken

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erstellt am 11.Dez.2012 | 06:18 Uhr

Plau am See | Der Wind haucht Flocken über die Flur. Wie ein unsichtbarer Künstler malt der Frost Blumen auf das Fensterglas. Das Eis in den Pfützen klirrt. Gaby bibbert. Aber ihre Augen glühen. Der erste Schnee - Gaby kann es kaum glauben. Zum ersten Mal spürt sie den Winter auf der Haut. Frost und Flocken - das kannte sie bislang nur vom Hörensagen. In ihrer Heimat gibt es keine Minusgrade. Regen fällt dort in dicken Tropfen aus den Wolken, nicht als Kristalle. Dort - das ist die andere Seite der Welt. Dort - das ist Venezuela. Zur mecklenburgischen Winterzeit schwitzt Gaby bei 40 Grad unter der Tropensonne. In diesem Winter aber ist alles anderes. Die 16-Jährige tauscht Hitze gegen Kultur- und Kälteschock. Sie verbringt ein Jahr in Plau am See - als Gastschülerin bei einer deutschen Familie.

Das Abenteuer beginnt am Flughafen. Maria Gabriela Villalba Baamonde - kurz Gaby - steigt in die Maschine, die Vorfreude im Gepäck. Sie verdrückt ein paar Tränchen. Ein Jahr wird sie ihre Heimat Venezuela, ihre Familie und ihre Freunde nicht sehen. Doch allzu groß ist der Abschiedsschmerz nicht. Die Aufregung ist übermächtig, verdrängt die Angst vor dem Unbekannten. Gemeinsam mit Freunden, die wie sie zu einem Gastjahr im Ausland aufbrechen, hebt Gaby ab Richtung Deutschland. "Ich mag Deutschland, die Architektur und das Land sind so schön. Ich habe immer davon geträumt, einmal hierher zu kommen", sagt Gaby. Um ihren Traum zu leben, lässt die 16-Jährige ihre Eltern und Geschwister zurück.

Bis zum Flughafen Frankfurt lindern die Freunde Nervosität und Anspannung. Als sich die Wege trennen, wird Gaby dann doch ein klein wenig mulmig. Von der Mainmetropole über Hamburg und Rostock bringt sie der Zug nach Teterow. Ihre Austauschorganisation - der AFS Internationale Begegnungen e.V. - hat ihr eine Willkommensfamilie vermittelt. Bei ihr wird Gaby einen Monat lang bleiben - zur Eingewöhnung in Deutschland. Doch schon bald macht sie sich wieder auf die Reise - nach Plau am See, zur Familie Zosel. Gaby kommt an in dem Ort, der für ein Jahr ihr Lebensmittelpunkt sein wird. Für beide Seiten ist es ein aufregender Start ins Unbekannte. Die Zosel haben sich erst eine Woche zuvor als Gastfamilie beim AFS gemeldet. Sieben Tage später holen sie Gaby vom Bahnhof ab. Ihre Gastschwester und deren Freundin erwarten Gaby. "Ich war schon sehr nervös", erinnert sich die Venezuelanerin. Alle Sorgen sind unbegründet. Der Empfang ist herzlich - und schmackhaft. "Wir haben die köstlichste Suppe gegessen - Käsesuppe", schwärmt Gaby. Ein Einstand ganz nach Gabys Geschmack. Doch auch der Rest stimmt - und weckt Heimatgefühle. Vieles erinnert sie hier an ihr Zuhause in Südamerika. Wie ihre Gastschwester Jasmin ist auch ihre richtige Schwester 13 Jahre alt. Ihr Gastbruder ist 24, ihr eigener nur ein Jahr älter. Gaby fühlt sich gleich wohl. Selbst die Sprachbarriere kann die gegenseitige Sympathie nicht bremsen. Auch von den Zosels fällt nun alle Anspannung ab. Gelöst heißen sie ihr neues Familienmitglied willkommen. Sie haben sich bewusst für das Abenteuer "Gastkind" entschieden. "Das kam durch unsere Tochter. Jasmin möchte in zwei Jahren gern ein Auslandsjahr in England machen. Da haben wir überlegt: Es wäre doch ganz sinnvoll, wenn wir mal gucken, wie ist das so", sagt Ivonne Zosel. Das Wagnis lohnt sich. Auf Anhieb schließt sie Gaby in ihr Herz. "Es ist spannend und sehr schön. Ich hatte es mir viel, viel schwieriger vorgestellt", sagt die Plauerin. "Wir sind super glücklich, dass wir unsere Gaby haben."

Glücklich ist auch Gaby - mit ihrer neuen Familie und ihrer neuen Heimat. Für ihren Traum, einmal Deutschland zu erleben, hat die 16-Jährige auch eine Reise um die Welt nicht gescheut. Das ringt ihrer Gastfamilie viel Respekt ab. "Ich bewundere ihren Mut. Sie ist mit null Deutschkenntnissen hierher gekommen. Jetzt versteht sie schon relativ viel. Am Sprechen müssen wir noch arbeiten", sagt Ivonne Zosel. Gabys Fortschritte sind beachtlich. "Die ersten Wochen haben wir ständig den Translater gebraucht", erinnert sich die Gastmutter. Jetzt, nach knapp zwei Monaten, klappt die Kommunikation ganz ohne Hilfsmittel. In einem Misch-Masch aus Deutsch und Englisch sprudelt es nur so aus Gaby heraus. Die weitschweifenden Gesten lassen ihr südamerikanisches Feuer aufblitzen. "Sie ist sehr temperamentvoll und offen. Und sie singt und lacht viel - außer wenn sie friert", sagt Ivonne Zosel und lacht. "Es ist eine ganz andere Mentalität, aber sie ist schön. Gaby ist unser Sonnenschein."

Mit ihrer offenen Art gewinnt Gaby ihre Mitmenschen schnell für sich - auch in der Plauer Regionalschule. Die ersten Freundschaften sind geknüpft, in ihrer Klasse fühlt sie sich wohl. "Das war ein bisschen meine Angst. Aber sie ist super integriert worden", sagt Ivonne Zosel. "Sie sind alle so nett zu mir", sagt Gaby.

In Venezuela besucht Gaby eine Privatschule - Schuluniform inklusive. Doch gelernt wird nur bis mittags. Den Nachmittag bestimmt der Sport - bis zu fünf Stunden täglich ist Gaby aktiv. Auch in Plau will sie sich auspowern. Sie spielt Volleyball, einmal die Woche. Selbst ihre Gasteltern hält sie auf Trab. "Ich lass mich gern breitschlagen, mit ihr Tennis spielen zu gehen, damit sie ausgelastet ist", sagt Gastvater Bernd Zosel und lacht. Er und seine Frau genießen den frischen Wind, den Gaby in ihr Leben bringt. "Man findet sich als Familie wieder neu. Der Alltag in der Familie wird kräftig durcheinander gewirbelt und das ist schön", sagt Ivonne Zosel. Ihr Gastkind lässt sie Altbekanntes ganz neu entdecken. "Wir unternehmen viel mehr als sonst. Gaby ist ja nur ein Jahr hier, da wollen wir ihr soviel wie möglich von dem zeigen, was wir selbst schön finden", sagt Ivonne Zosel. Gaby genießt die Ausflüge. Nur das viele Laufen, das ist ihr eher fremd. Im Venezuela ist die 16-Jährige mit dem Auto unterwegs. In Deutschland gilt ihr Führerschein nicht. "Hier muss ich wirklich viel laufen", stöhnt sie und lacht.

An viele Dinge muss sich Gaby fernab der Heimat erst gewöhnen. Doch gerade die neuen Erfahrungen sind es, die sie herbeisehnt. Besonders auf den Wechsel der Jahreszeiten freut sie sich. Sechs Monate Regen, sechs Monate Sonnenschein - so kennt es Gaby von Daheim. Dass sich Blätter am Baum gelb verfärben, fasziniert die Südamerikanerin. So wird dann selbst Banales wie Gabys erstes Laubharken zur Aktion mit Spaßgarantie. "Sie sah die vielen Blätter unten am Boden. Ihr Blick wanderte zum Baum hoch. Plötzlich wurden ihre Augen ganz groß. Da war ihr klar, die Blätter fallen auch noch runter", sagt Ivonne Zosel. "Kakteen verlieren eben nicht soviele Blätter", scherzt Bernd Zosel. Es sind Momente wie dieser, die Gaby und ihre Gasteltern mehr und mehr zusammenschweißen, sie zu einer Familie werden lassen.

Ihre Erlebnisse teilt Gaby mit ihren Eltern in Venezuela. Jeden Sonnabend skypen sie miteinander. Für das Telefonat muss sie mitten in der Nacht aufstehen. Wenn in Plau längst alles schläft, ist es in Venezuela noch nicht mal abends. Sechs Stunden trennen das südamerikanische Land von Mecklenburg - und Gaby von ihren Eltern. "Ich vermisse sie, hab aber kein Heimweh", sagt Gaby. Die Zosels bieten liebevollen Ersatz. "Meine Familie hier - das sind so wundervolle Menschen. Ich fühl mich hier Zuhause", sagt Gaby.

Auch ihre eigenen Eltern haben sich Ablenkung ins Haus geholt: Sie haben ein Gastkind aus Italien aufgenommen. "Dein Zimmer ist also besetzt", sagt Ivonne Zosel und lacht. Kein Problem für Gaby. Bis zum 9. Juli kommenden Jahres wird sie in Plau bleiben. Genug Zeit also, Land und Leute zu entdecken und die Sprache zu lernen. Letzteres ist Gaby besonders wichtig, denn die Wahl auf Deutschland als Gastland fiel nicht ohne Grund. Beim Austauschjahr soll es nicht bleiben. Gaby träumt von einem Studium in Deutschland. Einen anderen Traum teilt sie mit den Zosels: Irgendwann, da will Gaby ihren Gasteltern auch ihre Heimat zeigen. Die Reise nach Venezuela, sie ist schon fest versprochen. "Ihre Eltern haben uns schon eingeladen. ,Unser Haus ist auch euer Haus, haben sie gesagt", erzählt Bernd Zosel.

Doch noch sind Gedanken an tropische Gefilde fern. Gaby will die Kälte genießen. "Das ist mein erster Winter. Das zu erleben, macht mich so glücklich" sagt sie freudestrahlend. Frost und Flockenwirbel - für diese eiskalte Erfahrung tauscht die Venezuelanerin nur zu gern die Tropensonne ein. Wärme verspürt sie in Plau auf andere Art - durch die Gastfreundschaft ihrer Familie auf Zeit, durch die Liebe der Zosels.

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