interview : Für begründete Kritik gut zu haben

Hans-Dieter Düwel
Hans-Dieter Düwel

Interview mit Hans-Dieter Düwel, SPD-Fraktionsvorsitzender in Lübz, über Geschichte, unpassende Äußerungen und politische Arbeit

von
16. Juli 2015, 12:04 Uhr

Hans-Dieter Düwel, Vorsitzender der SPD-Fraktion in der Lübzer Stadtvertretung, ist bekannt dafür, Kritik zu äußern, wenn er sie für wichtig hält. An wem, spielt dann keine Rolle. Neuester Beweis: Jetzt ist es der höchstrangigste Vertreter seiner Partei in Mecklenburg-Vorpommern, Ministerpräsident Erwin Sellering. SVZ-Redakteur Ilja Baatz sprach mit dem 72-Jährigen.

Frage: Was hat Sie aufgeregt?

Hans-Dieter Düwel: Leser Ihrer Zeitung wurden dazu aufgefordert, ihre Meinung zu der Äußerung von Herrn Sellering zu sagen, dass die DDR seiner Meinung nach kein Unrechtsstaat gewesen sei. Zwar hatte ich im Gegensatz zu vielen anderen Glück, dass mir bis 1989 nichts Schlimmes passiert ist, ich hatte mich mit vielem stillschweigend arrangiert, aber Fakt ist für mich: Herrn Sellering spreche ich das Recht ab, gerade diese Angelegenheit zu beurteilen. Als nicht in der DDR sozialisiert sollte er zum Thema Rechts- oder Unrechtsstaat DDR lieber schweigen.

Kann Interesse beim Einblick von außen nicht bei der Beurteilung helfen?

Letztlich ganz offenbar nicht bei diesem so wichtigen Thema, wie die Äußerung zeigt. Ein Rechtsstaat zeichnet sich durch die drei unabhängigen Säulen Legislative (gesetzgebende Gewalt), Exekutive (vollziehende Gewalt) und Judikative (unabhängige Gerichte, etwa Verfassungsgerichte) aus – alles gab es so nicht, wie es sein sollte.

Es gab auch Wahlen...

Die Wahlen in der DDR, also die Legislative, waren reines Zettelfalten, eine Auswahl gab es nicht. Die Exekutive war eine Diktatur, wie es ja auch in der Verfassung – „Diktatur des Proletariats“ – formuliert war. Unabhängige Gerichte gab es nicht. Beschwerden konnten durch eine Eingabe beim Staatsratsvorsitzenden vorgebracht werden. Gerade Herr Sellering müsste wissen: In der DDR war die SPD seit 1946 verboten, lediglich in Ost-Berlin gab es noch bis 1961 einige Ortsvereine. Natürlich war nicht alles schlecht, aber überwiegend nicht wegen, sondern trotz DDR.

Haben auch Sie persönlich bis 1989 Unrecht erlebt?

Wie ich schon sagte: Ich hatte Glück und gehöre nicht zu denen, die sich heute als Kämpfer gegen die damalige Obrigkeit aufspielen. Mir ging es gut, was nicht heißt – um nur zwei Beispiele zu nennen – das existierende Unrecht nicht bemerkt zu haben: Wenn Eltern ihre Kinder nicht zur Jugendweihe schickten, hatten diese keine Chance, Abitur zu machen, was ich selbst als ihr Lehrer mit den Mädchen und Jungen von Pastoren in Lübz erlebt habe. Hervorragende Schüler – trotzdem keine Chance. Und Kinder, deren Eltern nicht sofort in die LPG gingen, wurden nach Hause geschickt.

Waren Sie in der SED?

Nein. Auch der Versuch, mich anzuwerben, scheiterte. Und als Nicht-Genosse an der EOS zu unterrichten, war durchaus eine Seltenheit. Vielleicht brauchte man einfach nur Mathe-Lehrer... Gehungert hat niemand, also störte mich die Versorgungslage mit der dann eben nicht so gigantischen Auswahl wie heute nicht, was ebenso fürs Reisen galt. Ich musste mich hin und wieder nur zusammenreißen, was ich sage.

Ist das geglückt?

Naja, als die Mondlandung stattfand, war ich beim Militär. Da fragte ich den Polit-Offizier, ob Neil Armstrong Kommunist sei und Russisch spreche. Ich wurde gefragt, wie ich darauf komme, und antwortete, dass Chrusch-tschow schließlich gesagt habe, dass sich der erste Mensch auf dem Mond dadurch auszeichnen werde. Die Folge: Ich musste einen riesigen Kohlehaufen von links nach rechts und nach der Meldung, dass der Befehl ausgeführt sei, wieder zurückschaufeln.

War das die einzige Sozialismus-Bekanntschaft der besonderen Art?

Nein (lächelnd). Etwas Ähnliches hatte es zwei Jahre vorher bei der alle vier Wochen erfolgenden Rotlichtbestrahlung des Kollegiums gegeben. Ich stellte die Frage, ob es sein könne, dass im nahen Betonwerk der Posten des Direktors, Parteisekretärs und Chef der Kampfgruppen in einer Hand liege. Antwort: Nein, so etwas gibt in der DDR nicht, es verstößt gegen das Prinzip des demokratischen Zentralismus. Ich meldete mich und sagte: Doch, ich kenne jemanden, Walter Ulbricht. Er ist Vorsitzender des Staatsrates, Erster Sekretär der SED und Chef des Verteidigungsrates.

Was geschah daraufhin?

Die Veranstaltung wurde abgebrochen, ich musste sofort die Schule verlassen und mir wurde abends offiziell fristlos gekündigt. Aber was soll ich Ihnen sagen: Kurz darauf wurde ich als Mathe-Lehrer zurückgeholt – ein weiterer Teil des schon beschriebenen Glücks, denke ich manchmal.

Sie haben 1990 die SPD in Lübz mitgegründet und wurden bei der Kommunalwahl 1999 in Kreistag – bis zur Gründung des Großkreises – und Stadtvertretung gewählt. Dort arbeiten sie bis heute. Wie würden Sie die Politik in dieser Stadt beurteilen?

In Lübz geht es in der Regel sachlich zu und das ist gut so. Die Sache steht im Vordergrund, was ich in anderen Städten schon anders erlebt habe. Ich bin SPD-Mitglied, denke aber, dass gerade auf kommunaler Ebene überparteiliche Arbeit eine große Rolle spielt. Deshalb habe ich zum Beispiel auch kein Pro-blem damit, zu sagen, dass Frau Stein als Vertreterin der CDU trotz mancher Diskussion eine insgesamt gute Politik für diese Stadt macht.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen