Kalligrafie : Freie Entfaltung für die Schrift

Kursus mit Lehrerin (rechts hinten). Fotos: Monika Maria degner
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Kursus mit Lehrerin (rechts hinten). Fotos: Monika Maria degner

Jüngster Kurs im Lübzer Kunstspeicher einte Intellektualität, Handwerk und die ästhetische Bildsprache

svz.de von
12. Mai 2017, 12:00 Uhr

Jenseits der genormten Schrifttypen geht Schrift in vielen Spielarten in die bildende Kunst ein. Dazu veranstaltete der Lübzer Kunstspeicher einen Kurs; am Dienstag wurden die Ergebnisse öffentlich präsentiert: Julia Theek, künstlerische Leiterin des Lübzer Kunstspeichers, sitzt neben einem Beamer, der Ansichten kalligrafischer Kunstwerke auf eine Leinwand wirft, und verfolgt das Gespräch der Zuschauer zu den einzelnen Bildern. Theek, selbst profilierte Künstlerin, dennoch immer wieder begeistert von den Welten anderer künstlerischer Methoden, Stile, Wirkung, schwärmt: „Ich freue mich jedes Mal, wenn Intellektualität, Handwerk und die ästhetische Bildsprache so wie in diesem Kurs ineinander fließen.“ Und die fast immer blendend aufgelegte Magistra fügt hinzu: „Noch nie hatten wir so viele Profis unter den Teilnehmern. Und es ist ein Fest, dass Birgit da ist.“

Birgit heißt mit vollem Namen Birgit Nass. Sie ist die Leiterin, Lehrerin des frisch beendeten Kurses in einer künstlerischen Spielart gewesen, die Kalligrafie („Schönschrift“) in frei gehandhabter Form mit Elementen der Malerei verbindet. Und die „Profis“, das sind vier gestandene Malerinnen von insgesamt sechs Kursteilnehmerinnen. Dazu gesellte sich noch ein männlicher Mensch als der sprichwörtliche Hahn im Korb, von den Frauen lachend „unser Quotenmann“ genannt. Und überhaupt: Die Stimmung der Malschülerschaft einschließlich ihrer Lehrerin ist auch vor der Präsentation schon glänzend. Sie sitzen am Tisch bei Kaffee, Kuchen und Likör, haben in fünf Tagen enorm viele klein- und großformatige Bilder geschaffen und genießen offensichtlich den Kursabschluss.

Ihre Produkte sind ausgestellt im ersten Geschoss des renovierten Speichergebäudes, das, minimalistisch eingerichtet, vielfach mit dem Charme des Ursprünglichen, Alten spielt. Wie zufällig, ohne dass es wirklich Zufall wäre, steht in einem Winkel der Räumlichkeiten eine alte Leitertreppe. Dort haben die nunmehr „Schriftgelehrten“ ihre kleinformatigen Bilder Stufe für Stufe aneinander gereiht, andere Bilder hängen an den Wänden. Große Versuche von über einem Meter Höhe liegen in einem der lichten Räume auf dem Boden. Und schon auf den ersten Blick wird klar: Das hier Ausgestellte hat mit der in Schulheften praktizierten Schönschrift schon mal gar nichts zu tun. Und der nächste Eindruck: Die Melange, die zwischen malerischen, meist ungegenständlichen Elementen und den Lettern entsteht, ist etwas Neues, Drittes. Die gewohnte Gestalt der Schrift erscheint meist abgewandelt. „Bis ins Unleserliche steigern wir das Skriptorale, wobei die schreibende Bewegung erhalten bleibt“, erläutert Birgit Nass. Wie schreibend, scheint es, wurde die Künstlerhand auch bei Erschaffung der oftmals transparent-farbigen malerischen Anteile der Bilder geführt. Eine weitere Technik, die im Kurs praktiziert wurde, ist das von Jackson Pollock in die Malerei einführte Drip-Painting. „Farbe wird spontan auf die Leinwand gespritzt oder getröpfelt“, erläutert Birgit Nass.

Die Buchstaben, Wörter, Gedichte, Sprüche, die in die Bilder eingingen, waren natürlich frei wählbar. Die Künstlerin Sigrid Elsenhans beispielsweise suchte sich eine bekannte Sentenz aus: „Da beißt die Maus keinen Faden ab.“ Und malte sogar eine kleine, ganz realistische Maus in ihr Bild. Birgit Nass selbst – und dies sind nur zwei magere Beispiele aus einem mittlerweile sehr umfassenden Werk – setzte das berühmte altgriechische „panta rhei“ (Alles fließt) in ein Bild. In ein anderes schrieb sie Rilkes „Römischen Brunnen“. Die Auswahl trifft sie gemäß ihrer inneren Reaktion auf Texte oder auch auf einzelne Wörter. „Nach Gänsehaut und Herzschlag“, sagt sie.



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