kultur pur : Free Jazz im Plauer Musiksommer

Ein Konzert in der St. Marienkirche Plau am See der besonderen Art.  Fotos: Diana Coulmas
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Ein Konzert in der St. Marienkirche Plau am See der besonderen Art. Fotos: Diana Coulmas

Ergreifendes Konzert: Michael Schulz vom Schulz Trio gelingt es, alle Plauer Musiker zum gemeinsamen Musizieren zu bewegen

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25. Juli 2015, 12:44 Uhr

Wer bisher mit der Musikgattung „Free Jazz“ nicht allzuviel anfangen konnte, wurde beim Konzert des Schulz Trio in der Reihe des Plauer Musiksommers geradezu bekehrt. Eine Premiere: die drei, Michael Schulz, Saxophon, Jochen Aldinger, Piano und Ernst Bier, Schlagzeug hatten in dieser Formation noch nie zusammen musiziert. Vom ersten Ton an war aber klar hier haben sich ganz große Künstler in absoluter Harmonie gefunden. Unglaublich, was mit einem Saxophon alles gemacht werden kann: Zwischen zartestem Schmelz und brutalen virtuosen Ausbrüchen war eine Klangpalette zu hören, die mitunter an Hexerei grenzte. Dazu passte der Schlagzeuger, der seine Instrumente so extrem verzwickt rhythmisch und farbig behandelte, dabei nie brutal zuschlug, sondern sich stets in die Gruppe wunderbar sensibel einfügte, sodass – zusammen mit dem Pianisten (wahnsinnig nuancenreich im Anschlag) – eine unglaubliche, nie zuvor gehörte Harmonie entstand. Man kann sagen, dass alle drei sich dem Dienst der Musik wirklich voll und ganz hingaben.

Die besondere Intensität dieser Musik hatte aber auch eine besondere Ursache: sie gründete in einem schrecklichen Ereignis, das Michael Schulz und Jochen Aldinger bei ihrem letzten Aufenthalt in Mexiko im Frühjahr dieses Jahres hautnah miterlebt hatten: 43 junge Menschen – Opfer von Drogenhändlern, Regimekritiker, Oppositionelle, gar Mitläufer waren verschwunden. Daraufhin gingen Zehntausende auf die Straße um Nein zu sagen zu wirtschaftlicher Korruption, Verselbständigung von politischer Macht, Nein zu sagen gegen die zerstörerischen Untiefen von Drogen und Drogenhandel, eine Aufklärung fordernd. Schulz und Aldinger entwickelten als sofortige Reaktion ein musikalisches Projekt und produzierten noch dort mit mexikanischen Jazzmusikern eine CD – 43 Musikstücke, eine akustische respektvolle Verneigung vor den 43 Anschlagsopfern. Aus diesen 43 meist kurzen, aber sehr ergreifenden Stücken spielten die Musiker eine Auslese. Und wahrscheinlich war dies auch der Grund, dass die Musik die Zuhörer so berührte: Die verschiedenen Facetten des Leides dieser Menschen kam unglaublich hautnah zum Ausdruck. Dazu passte auch der ganz spontane, natürlich wiederum wunderbar improvisierte Auftritt der Stralsunder Jazzsängerin Adelind Pallas: ein abgrundtieftrauriger Klagegesang. Der Titel: „Konzert 43“ führte schließlich auch zu dem letzten Stück des Konzertes: ungefähr 43 (wahrscheinlich wohl eher 70) Plauer Musiker aller Sparten, von der Kantorei über Posaunenchor, Mandolinengruppe, Fanfarenzug, Burgsänger und Shanty-Chor, kurz, alles was in Plau mit Tönen zu tun hat, führte Michael Schulz zusammen: an zwei Probeabenden schaffte er es, ein unglaubliches Klangvolumen voller Präzision und Harmonie erklingen zu lassen, das schließlich im von den Mandolinen angestimmten „Dona nobis“ mündete, in das die ganze Konzertgemeinde mit einstimmte: alle waren zu Beifallsstürmen mitgerissen. Die Stadt Plau kann dankbar sein, dass sie einen Michael Schulz in ihren Mauern beherbergt!

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