„Grünes Abitur“ in Gischow : Frauen packt das Jagdfieber

Adrenalin pur: Als Annika Weber ihr erstes Wild schoss, war sie aufgeregt.
Adrenalin pur: Als Annika Weber ihr erstes Wild schoss, war sie aufgeregt.

Von wegen „Männersache“: Zunehmend Jägerinnen steigen auf den Hochsitz. Annika Weber machte das „grüne Abitur“ in Gischow

svz.de von
02. Januar 2018, 12:00 Uhr

„Ein Hütchen mit Federn, die Armbrust über der Schulter, aber ein Jäger ist es nicht (...)“, lautet das Rätsel aus dem Märchen „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“. In einer Waldszene gibt sich die Hauptfigur vor dem Prinzen und seinem Gefolge als Waidmann aus. Aschenbrödel ist keine Jägerin, doch gelingt ihm der Abschuss eines Raubvogels – vor den Augen des Thronfolgers. Was im Film ein neckisches Verwirrspiel, ist heute Realität. Um es dem anderen Geschlecht jagdlich zu beweisen, müssen Frauen nicht mehr in die Männerrolle schlüpfen und tun als ob. Frauen gehen auf die Jagd, weil sie Lust darauf haben.

Frauen hinter der Flinte waren ungern gesehen

Die Jagd war früher reine „Männersache“: Frauen gehörten nicht hinter die Flinte, sondern an den Herd. Gösta Rehse, Inhaber der Jagdschule in Gischow, bestätigt diese überholte Denke. Der Jagdausbilder freut sich über weiblichen Zulauf und weiß, dass es immer mehr Frauen in den Forst zieht.

Im Sommer 2017 bildete er Annika Weber aus Hamburg aus. Die junge Studentin liebt es, ihre Freizeit in der Natur zu verbringen. Neben dem Angeln interessiert sich Annika Weber seit ihrer Kindheit für das Jagen. „Mein Vater und mein Großvater sind Jäger, doch sie sind nicht mehr aktiv. Schließlich bin ich über meinen Freund und seinen Eltern zur Jagd gekommen“, erzählt die Jura-Studentin. Der Wald müsse gehegt werden und ohne Jagd ginge das nicht. Auf Jagd zu gehen, sei für sie viel mehr als Tiere schießen, sagt Annika Weber selbstbewusst.

 

Zumindest möchte die Hamburgerin vorwiegend etwas über „den Rest ringsherum“ lernen. Das Zusammenspiel der Natur begreifen, den Wechsel der Jahreszeiten mitbekommen und Erfahrungen mit dem Hund sammeln – das alles sei Motivation, an den Wochenenden raus zu fahren. Regelmäßig ist die junge Jägerin mit der Familie ihres Freundes in der Nähe von Plau am See auf der Pirsch. Hier hat Annika Weber im Herbst ihr erstes Tier geschossen – einen Damspießer. „Die Aufregung kam nach dem Schuss“, erinnert sie sich gut an die Situation. Vorher sei sie enorm konzentriert gewesen, sie wollte das alles passt und wartete den richtigen Moment ab. „Der Damspießer stand gut und ich wusste, den will ich haben. Als ich nach dem Schuss über das Glas sah, strömte Adrenalin pur durch meinen Körper“, berichtet Annika Weber. Zu keinem anderen Zeitpunkt in ihrem Leben habe sich die junge Frau so lebendig gefühlt, fügt sie hinzu. Draußen sein, sich lebendig fühlen, das reize die angehende Juristin am ursprünglichen Männer-Hobby.

Heutiger Frauenanteil bei über zehn Prozent

„Vor zwanzig Jahren gab es deutschlandweit ein Prozent Jägerinnen. Heute ist der Frauenanteil bei zehn bis fünfzehn Prozent – Tendenz steigend“, so Gösta Rehse im SVZ-Interview. Aktuelle Angaben des Deutschen Jagdverbandes (DJV) über die Frauenquote in den Jägerkursen bestätigen Rehses Aussage. Dass Frauen zunehmend Gefallen am Jagen finden, liege zum einen am wachsenden Bewusstsein für Ernährung und Konsum, sagt Gösta Rehse. „Frauen hinterfragen mehr und sind bei der Auswahl von Lebensmitteln kritischer. Viele wollen weg von Massentierhaltung und Alternativen zum Fleisch aus dem Supermarkt finden“, sagt der studierte Forstwirt. Annika Weber meint, sie esse selbst erlegtes Fleisch mit anderem Hintergedanken. „Man hat eine andere Beziehung zum Fleisch. Man schätzt es viel mehr wert. Ich esse es gern, da ich weiß, das Tier hatte vorher ein schönes, artgerechtes Leben“, meint sie.

Die neuen Jägerinnen betreiben nicht ausschließlich Lebensmittelkunde. Wie ihre männlichen Kollegen suchen sie das naturnahe Erlebnis inmitten des Waldes. Entschleunigung, Alltagsflucht, das Landleben genießen und mit dem Hund Ausflüge machen, das sind die typischen Antriebsgründe.

Gösta Rehse stellt fest, dass Frauen und Männer zum Teil auf unterschiedliche Weise jagen. „Frauen sind zurückhaltener, schießen bewusst und sind weniger leichtsinnig. Wenn es sein muss, verzichten sie auf den Schuss. In der Theorie sind Frauen manchmal ehrgeiziger, um sich in der ehemaligen Männerdomäne zu beweisen“, weiß der Experte. Der Trend zu mehr Frauen auf der Jagd, stelle für ihn eine Bereicherung dar: „Das Klischee vom männlichen Jäger wird aufgebrochen und das Bild wird bunter.“
 

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