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Forschung in Wooster Teerofen : Fliegenden „Mäuschen“ hinterher

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für Lübz – Goldberg – Plau

Greifswalder Studenten ziehen durchs Dickicht von Wooster Teerofen – für die Forschung und den Schutz von Fledermäusen

von
erstellt am 02.Sep.2017 | 07:00 Uhr

Kurz den letzten Schluck Kaffee aus der Tasse nehmen und dann geht’s los. Moment, ohne Vorbereitung geht hier aber nichts. Das wissen die Biologie-Studenten aus Greifswald nur zu gut. Mückenabwehrspray wird noch schnell in den Rucksack gepackt. Und ganz wichtig: „Zieht eure Socken über die Hose. Das hilft gegen die fiesen Waldameisen“, sagt Constanze Schild. Die Studentin kennt sich aus, schreibt sie derzeit doch an ihrer Masterarbeit an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald. Jetzt ist sie gemeinsam mit anderen Kommilitonen in Wooster Teerofen. Weitab von der heimatlichen Alma Mater.

Alle wichtigen Utensilien sind verstaut. Es geht in den nächstgelegenen Wald rund um Wooster Teerofen. Die Suche nach „Batman“ beginnt. Fledermäuse, die fliegenden Säugetiere, stehen bei den Studenten ganz im Fokus, wenn sie nach Wooster Teerofen inmitten des Naturparks Nossentiner/Schwinzer Heide reisen. Jetzt steht praktische Arbeit auf dem morgendlichen Programm – Feldarbeit sozusagen. Für Constanze eine willkommene Abwechslung. „Während meiner Bachelor-Arbeit habe ich viel im Labor gearbeitet.“ Dieses Mal sollte es raus in die Natur gehen.

Hintergrund: Die Jäger der Nacht

Sie hängen mit dem Kopf nach unten – Fledermäuse. Das einzige Säugetier, das fliegen kann. Wenn die Paarungszeit beginnt – mitten im Winter – dann beißt das Männchen das Weibchen und weckt es damit auf. Nach der Paarung wird weitergeschlafen.

Insgesamt 27 Fledermausarten fliegen in Deutschland nachts umher. Allesamt stehen derzeit auf der Roten Liste unter Kategorie Vier, sind also vom Aussterben bedroht. Zu ihren natürlichen Feinden zählen Greifvögel, Katzen, Marder und Eulen. Doch auch der Mensch setzt der Fledermaus zu – durch intensive Landwirtschaft und den Bau von Windkraftanlagen. Wobei Menschen sich über jedes Exemplar freuen sollten, schließlich fressen Fledermäuse mehrere tausend Insekten in der Nacht – darunter auch Mücken.

 Von den insgesamt 27 Arten, leben allein 17 schon in MV.  Sie werden unterschieden in Wald- und Siedlungsbewohner, obwohl der Übergang fließend ist.

Waldbewohner:

  • Mopsfledermaus
  • Abendsegler
  • Kleinabendselger
  • Rauhautfledermaus
  • Wasserfledermaus
  • Fransenfledermaus
  • Große Bartfledermaus
  • Kleine Bartfledermaus

Siedlungsbewohner:

  • Graues Langohr
  • Braunes Langohr
  • Zweifarbfledermaus
  • Nordfledermaus
  • Breitflügelfledermaus
  • Zwergfledermaus
  • Mückenfledermaus
  • Mausohr
  • Teichfledermaus

Die in Deutschland lebenden Fledermäuse sind meist nicht größer als fünf Zentimeter. Zum Vergleich: Eine Australische Gespensterfledermaus hat eine Flügelspannweite von einem halben Meter. sapa

Wiegen, messen, markieren – die Datenbank muss voll

Helle Aufregung im „Gerhard-Cornelssen-Haus“, der Naturstation in Wooster Teerofen. Prof. Dr. Gerald Kerth von der Universität Greifswald schließt sofort die Eingangstür. Ein „Mäuschen“ konnte entwischen und fliegt im Raum herum. Doch alle Anwesenden, allesamt seit Jahren Fledermausexperten, wissen, was zu tun ist: Erst einmal ruhig bleiben. Christoph Treß aus Thüringen – jahrelang in der Fledermausforschung tätig – fixiert das fliegende Säugetier; blitzschnell reagiert er und wiehält das Tier wieder sicher in seinen Händen.  Jetzt kann es weitergehen. Wiegen, messen, markieren... so um die 200 bis 250 Tiere werden in Wooster Teerofen während des Praktikums markiert und untersucht. Die Datenbank, die kurz nach der Wende entstand, wächst stetig an. Dank den versierten Helfern aus Thüringen und der Uni Greifswald.  „Wir kontrollieren unter anderem, ob es sich um ein Männchen oder Weibchen handelt. Ob das Männchen schon geschlechtsreif ist“, erklärt Prof. Gerald Kerth von der Uni Greifswald, die sich seit 2011 am Projekt beteiligt.

Besonders stolz macht Prof. Kerth eine Tatsache – die Arbeit des Fledermaus-Teams kommt an. So war erst kürzlich ein ZDF-Drehteam vor Ort in Wooster Teerofen. „Für die Sendung 1,2 oder 3. Der Beitrag wird am 11. November ausgestrahlt“, berichtet er stolz. Wer  noch mehr über „Batman“ erfahren will, schaltet ein.

 

Rucksäcke, Jacken, Telemetriegerät – alles wird im Kleinwagen verstaut. Über einen holprigen Waldweg geht es immer tiefer in den Naturpark, in dem die meisten Fledermausarten in ganz Mecklenburg-Vorpommern vorkommen. Biodiversität, Artenreichtum. Um die Vielfalt geht es auch Isabel Lorenz. Genau deshalb studiert sie dies an der Uni Greifswald. „Fledermäuse sind unheimlich wichtig für das Gleichgewicht“, sagt Isabel.

Endlich fündig geworden: Die Biologie-Studenten aus Greifswald schauen sich dieses Exemplar genau an. Constanze hält in ihren Händen eine kleine Mückenfledermaus. Lukas und Saskia schauen ebenfalls, Isabel schießt ein Foto.
Endlich fündig geworden: Die Biologie-Studenten aus Greifswald schauen sich dieses Exemplar genau an. Constanze hält in ihren Händen eine kleine Mückenfledermaus. Lukas und Saskia schauen ebenfalls, Isabel schießt ein Foto. Foto: Sabrina Panknin
 

Die erste Station ist erreicht. Mitten im Wald wird das Auto stehen gelassen, noch mal kurz einen Schluck Wasser getrunken. Es ist warm geworden – auch im Wald. Dann geht’s über Stock und Stein. Constanze hat ihren Laptop dabei, schließlich muss sie gleich kontrollieren, wo sich derzeit die „kleinen Mäuschen“ aufhalten. Umgeben von hohen Bäumen steht ganz verlassen und heruntergekommen ein ehemaliges Toilettenhäuschen. Von der Keramik – nichts mehr zu sehen. Aber ein wenig Technik, am Sturz beim Eingang angebracht. Constanze legt ihren Rucksack auf dem Boden ab, Lukas Guth und Saskia Starck gehören mit zum Team und folgen ihr. „Mithilfe der Transponder, die die Fledermäuse haben, können wir genau schauen, ob sie sich derzeit in diesem Häuschen befinden“, erklärt Constanze. Doch leider Fehlanzeige. Das Toilettenhäuschen ist unbewohnt. Also geht’s weiter.

Das Unterholz knackt unter den Füßen der Studenten. „Batman“ noch immer im Fokus ihrer Suche. Das ehemalige militärische Gelände nahe Wooster Teerofen bietet zahlreichen Fledermäusen Unterkünfte – Fransen- oder Mückenfledermäuse fliegen nachts hier umher. Immer auf der Suche nach Nahrung. Wieder am Auto angekommen, packen Lukas und Saskia das Telemetriegerät aus. Und horchen. „Ein gleichmäßiges Ticken verrät Fledermäuse“, erklärt Saskia. Das Gerät aber bleibt stumm. Kein „Batman“ weit und breit. Doch nur wenige Meter weiter wird das Quartett fündig. Eine kleine Mückenfledermaus sitzt in einem Kasten und schläft. „Wir erforschen das Verhalten. Viele Fledermäuse leben in bestimmten Kolonien. Wie verändert sich das? Spalten sie sich in Quartiere auf? Wie viele fliegen rein und wieder aus dem Bunker raus“, erläutert Constanze.

Für die vier Studenten steht eines ganz oben auf der Agenda: Der Schutz der Fledermaus und der Erhalt der Artenvielfalt. Und außerdem „sind diese kleinen Mäuschen einfach nur toll“, sagt Isabel Lorenz aus voller Überzeugung.  

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