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Fachkräftemangel : Falsches Berufs-Image tief verwurzelt

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für Lübz – Goldberg – Plau

Immer weniger junge Leute und unangebrachtes Selbstbewusstsein: Auch Friseurmeisterin Andrea Kuller kämpft mit der Schwierigkeit, Nachwuchs zu gewinnen.

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erstellt am 20.Jan.2014 | 08:00 Uhr

„Friseurin gesucht“. Ein eindeutiges kleines Schild im Schaufenster des Salons von Andrea Kuller am Marktplatz in Lübz, die sich rechtzeitig um Nachwuchs kümmert. Ihr Beweggrund: „Meine beiden Kolleginnen sind schon etwas älter und arbeiten eventuell nur noch ein Jahr.“ Die Zahl der Rückmeldungen ist mehr als spärlich, eine kam bisher allerdings auch von einem Mann. Die seit knapp neun Jahren selbstständige Meisterin ihres Fachs, das sie Mitte der 1980er-Jahre in Lübz gelernt hat und die anschließend unter anderem zehn Jahre Geschäftsführerin in einem anderen Unternehmen war, wusste sofort, dass sie ihn nicht einstellen kann. „Die Berufsgenossenschaft verlangt, dass zwei getrennte Toiletten vorhanden sein müssen, wenn Männer und Frauen zum Personal gehören“, sagt Andrea Kuller. „Diese müsste ich bauen, was für mich eine zu hohe Investition wäre – auch vor dem Hintergrund, dass es in Lübz vergleichsweise viele Frisöre gibt, die sich immer weniger Kunden teilen.“

In zurückliegenden Jahren hatte Andrea Kuller bis zu fünf Angestellte. Nachwuchs sei auch in ihrer Branche mittlerweile sehr schwierig zu gewinnen, weil es viele junge Leute sofort nach der Schule in größere Städte ziehe. Bei der Geschäftsfrau arbeitete zwar auch schon eine junge Angestellte, die jedoch ihrem Freund nach Hamburg gefolgt sei. Viele junge Kunden bleiben deshalb weg, obwohl selbstverständlich auch ältere Friseure in der Lage seien, moderne Schnitte zu zaubern. Das weit verbreitete, gegenteilige Image stehe dagegen: „Erfahrung zählt leider oft nicht, so dass ich mit der Kundschaft alt werde und die älteren Kollegen bedienen fast nur ältere Leute.“ Der Sohn von Andrea Kuller wäre gern in Lübz geblieben, habe die Region jedoch auch wegen der Arbeit verlassen müssen. Überall negativ sei, dass es fast nur noch befristete Arbeitsverträge gebe, wodurch so gut wie niemand mehr sein Leben planen könne.

Bei Vorstellungsgesprächen trete schon seit langem die gerade von Eltern oft vertretene, falsche Meinung „Friseur kannst Du immer werden, wenn alles andere nichts wird“ zutage. „Auch bei uns sind die Anforderungen etwa bezüglich der Kenntnisse über chemische Prozesse auf Haut und Haaren gewachsen“, so die Inhaberin. „Außerdem muss man beraten. Wer sich demzufolge nicht gut ausdrücken kann, Seriosität vermittelt, ist in dieser Branche ebenfalls falsch. Zumindest habe auch ich beobachtet, dass die Umgangsformen allgemein immer schlechter geworden sind. Man ist mittllerweile schon erstaunt, wenn jemand nett auftritt.“

Das für einen Älteren bei Berufsanfängern oft nahezu unfassbare Selbstbewusstsein drücke sich zum Beispiel darin aus, dass für viele Geld mit kilometerlangem Abstand zu allem anderen an erster Stelle stehe, anstatt zuerst etwa ein möglichst großes Wissen anzubieten. „Der Fachkräftemangel schlägt sich auch so nieder, dass viele sagen: Die haben eh keine Wahl, sollen also froh sein, dass ich mich bewerbe“, sagt Andrea Kuller.

Leider bekomme sie darüber hinaus immer wieder die Einstellung „Selbstständig gleich reich“ zu spüren, obwohl dies zumindest in ihrer Branche gar nicht zutreffe. Den ausgezahlten Lohn müsse die Meisterin noch einmal als Sozialabgaben überweisen. Hinzu kommen zum Beispiel Miete und Nebenkosten für die Geschäftsräume sowie die Beiträge für Berufsgenossenschaft und Handelskammer. Seit 2013 zahlt die Lübzerin Mindestlohn (und damit mehr als vorher), was jedoch in Ordnung sei und sie als Angestellte auch gefordert hätte. Doch diese Mehrausgabe und die Tatsachen etwa, dass auch die beim Friseur verwendeten Materialien immer teurer werden und viele Kunden in immer größeren Abständen als früher kommen, mache es zunehmend schwieriger, zum Beispiel Aktionen anzubieten und bedeute, auch die eigenen Preise anheben zu müssen – stets jedoch so eng kalkuliert wie nur irgend möglich, weil das Geld ebenfalls bei den Kunden nicht mehr werde.

Die bei vielen Selbstständigen als Zwang immer stärker in den Mittelpunkt rückende Drohung ,Mehr einnehmen oder schließen’ habe auch Andrea Kuller zumindest in einem Punkt sicher werden lassen: „Heute würde ich diesen Weg nicht mehr gehen.“

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