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Zeitung für Lübz, Goldberg, Plau

23. November 2017 | 12:37 Uhr

Kultur : Es weihnachtet sehr

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für Lübz – Goldberg – Plau

Eine etwas andere Weihnachtsgeschichte von Bertram Bednarzyk

von
erstellt am 26.Dez.2014 | 22:00 Uhr

Auch wenn Weihnachten bereits vorbei ist, hat Bertram Bednarzyk dennoch eine etwas ganz andere Weihnachtsgeschichte geschrieben. Sie erinnert auch an die Situation rund um die Streckenstilllegung der Südbahn. Aber lesen Sie selbst!

Joschi war nach dem Tod seiner Mutter mit seiner Frau Mary in das alte kleine Haus am Rande des Dorfes gezogen. Das Geld war ohnehin schon immer knapp gewesen, aber jetzt, nachdem auch Mutters Witwenrente wegfiel, gab es für die Zwei für ganz viel Monat nur noch ganz wenig Geld. Trotzdem, wenn das Amt einmal im Monat zahlte, machten sich Joschi und Mary immer einen schönen Tag. Sie gingen zum Bahnhof Gallin und warteten dort auf das Einlaufen des Zuges aus Richtung Malchow. Joschi wusste, der Haltepunkt Gallin war bei dem Bahnpersonal wenig gelitten und so hatte man diese Haltestelle zu einem „Bedarfshalt“ degradiert, und deshalb konnte die Bahn hier meistens durchfahren. Jetzt, da Joschi und Mary in diesen schmucken Dieseltriebwagen, den die Odeg Regio Shuffle nennt, einsteigen wollte, musste er halten – nur wegen ihnen.

Die Zwei fuhren nach Lübz. Dort klapperten sie einen nach dem anderen Discounter ab, immer in der Absicht, Sonderangebote und Schnäppchen zu ergattern. Zum Schluss, bepackt mit Taschen und Tüten, genehmigten sie sich noch ein Stückchen Kuchen in der Bäckerei, nahe am Bahnhof, und danach ging es mit der Odeg wieder zurück nach Gallin. Einiges an Vorrat hatten Joschi und Mary nun beisammen, aber das Geld war beinahe auch schon wieder alle.

So ging es Monat für Monat, bis Anfang Dezember 2014 Joschi erstmals allein nach Lübz fuhr. Marys Schwangerschaft war schon so weit fortgeschritten, dass sie sich das Einkaufen, und später die Schlepperei, nicht mehr zutraute. In Lübz verzichtete Joschi dieses Mal sogar auf das obligatorische Stückchen Kuchen und schaffte es, die Bahn zurück, noch zwei Stunden eher zu erreichen, als gewöhnlich.

Weihnachten stand vor der Tür, für Geschenke reichte das Geld mal wieder nicht, doch das wussten die Zwei; ihr größtes Geschenk, das reift in Marys Bauch. Es würde wohl am 1. oder 2. Weihnachtstag soweit sein, dachten die Beiden. Das Holz im Kachelofen knisterte und verbreitete eine wohlige Wärme, während draußen ein mächtiger Schneeschauer, wie man ihn lange nicht mehr an Heiligabend erlebt hatte, über das Dorf nieder ging. Eigentlich wollte Joschis Bruder heute gekommen sein und dann hätten sie wenigstens ein Auto gehabt, falls Mary ins Krankenhaus muss. Aber die A 24 zwischen Hamburg und Wittstock war an diesem Tag derart vereist, dass Joschis Bruder seine Ankunft um einen Tag verschieben musste.

Um 17 Uhr, am Heiligen Abend merkte Mary es zum ersten Mal: Das Kind wird nicht warten wollen. 15 Minuten später wurde es zur Gewissheit. Schnell, die Sachen packen und ab nach Parchim, zum Krankenhaus. Hastig stampften die Beiden durch den tiefen Schnee, während Mary größte Mühe hatte, ihren Mann, der die Taschen trug, zu folgen und die nur wenige hundert Meter entfernte Bahnhaltestelle zu erreichen.

Sie kannten sich aus, die Beiden, wussten sie doch, das Punkt 18:30 Uhr der Dieseltriebwagen der Odeg aus Richtung Malchow in Gallin ankommt. Joschi entfernte den Schnee von den Sitzen am Unterstand, legte eine Wolldecke aus und Mary konnte sich nun wenigstens hin setzen.

Es wurde 18:40, 18:45 Uhr und noch immer kam kein Zug. Sollte das Schneegestöber Schuld an dieser Verspätung haben? Joschi suchte nach seiner Taschenlampe um auf dem Fahrplan nachzuschauen. Da hing überhaupt kein Fahrplan mehr, sondern nur ein Schild mit der Aufschrift: „Rufbus Telefon 0800/ 21 31 41 51.“ Aufgeregt kramte Joschi sein Handy hervor und mit vor Kälte zitternden Händen wählte er diese Nummer. „Rufbus, was kann ich für Sie tun“, meldete sich eine freundliche Frauenstimme. „Bitte schicken sie mir gleich ein Fahrzeug vorbei, meine Frau muss dringend nach Parchim“, antwortete Joschi hastig. „Das tut mir leid, einen Rufbus müssen sie einen Tag vorher bestellen, sagte die Frau nun gar nicht mehr so freundlich.

Zum Glück hießen die Beiden nicht Josef und Maria und zum Glück habe ich diese Geschichte nur erfunden. Die nun verwaisten Gleise am Haltepunkt Gallin wären sicherlich kein geeigneter Ort für die Geburt des Christkindes gewesen.

 


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