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Goldberger kämpft für seine Eiche : "Es laufen viel zu viele Kettensägen herum"

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Wenn Walter Lux eine Kettensäge hört, läuft es ihm eiskalt den Rücken hinunter. Seine Haare stellen sich auf, er bekommt Angst. Sägt da jemand an seiner geliebten Eiche herum? Ist es das Todesurteil für seinen Baum?

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erstellt am 19.Apr.2012 | 10:16 Uhr

Goldberg | Wenn Walter Lux eine Kettensäge hört, läuft es ihm eiskalt den Rücken hinunter. Seine Haare stellen sich auf, er bekommt es mit der Angst zu tun. Sägt da jemand an seiner geliebten Eiche herum? Ist es das Todesurteil für seinen Baum? Schon seit Jahren plagen den 86-Jährigen diese Fragen. Täglich spuken sie ihm durch den Kopf. Seit fast genauso langer Zeit setzt er sich deshalb dafür ein, dass die Eiche als Naturdenkmal gekennzeichnet und mit einer schwarzen Eule auf gelbem Grund gekennzeichnet wird. "Wenn der Baum dieses Zeichen tragen würde, dann würde das Menschen abhalten, ihn abzusägen", ist sich Lux sicher. In seinem Leben hat er nur noch einen einzigen Wunsch: dass seine geliebte Eiche "eine Eule bekommt", wie er es nennt.

Der 86-Jährige hat den Baum jahrzehntelang gepflegt

Der Baum mit der großen Krone am Goldberger Stadtrand, er hat es dem alten Mann in der blauen Arbeitsjacke angetan. Schließlich hat Lux die Pflanze aufgepeppelt. In den 60er-Jahren entdeckte Lux eine Rute im Gebüsch am Wegesrand. "Ich erkannte, dass das eine Eiche ist und pflegte sie deshalb, weil sie sonst eingegangen wäre", erinnert sich der Naturliebhaber. Er band die Rute an, zog den Baum groß. Über Jahre hinweg. Wer heute an dem mächtigen Baum mit der großen und ästereichen Krone vorbeigeht, der wird kaum glauben können, dass dieser Baum einmal eine kaum wahrnehmbare Rute war. Der Baum verdankt seine Größe und Schönheit Walter Lux. Umso größer ist bei diesem die Angst um seinen geliebten Baum, dessen Alter er auf etwa 70 Jahre schätzt. "Mit den Bäumen ist das bei mir so eine Sache, ich liebe die Natur, bin in der Natur aufgewachsen", sagt er. Im zarten Alter von zwölf Jahren bekam er sein erstes Bienenvolk. Spätestens seitdem haben Natur, Tiere und Pflanzen ihn nicht mehr losgelassen.

Aber einem alten Mann seinen sehnlichsten Wunsch zu erfüllen, das ist gar nicht so einfach. Beim Amt Goldberg-Mildenitz war Lux schon. Mehrfach - bisher vergeblich. Gefragt hat er, gebeten, gebettelt. Auch Ulf Bähker vom Naturschutzbund (Nabu) Mecklenburg-Vorpommern ist etwas ratlos, was den Fall angeht. "Naturdenkmäler sind eine Möglichkeit, Einzelschöpfungen der Natur unter besonderen Schutz zu stellen", sagt Bähker. Allerdings sei die betreffende Eiche verhältnismäßig jung, schließlich gebe es Bäume, die hunderte von Jahre alt seien. "Vor diesem Hintergrund schätze ich es eher als schwierig ein, die Eiche zu einem Naturdenkmal zu machen", sagt der Experte. Überhaupt verweist Bähker auf die Baumschutzordnung der Stadt Goldberg, auf deren Grund der Baum steht. "Es ist natürlich verboten, ohne Genehmigung einen Baum zu fällen, dafür ist kein Naturdenkmal nötig", sagt er.

Lux weiß das. Aber er ist überzeugt, dass sein Baum mit Hinweisschild deutlich besser gegen Übergriffe geschützt ist. "Heutzutage laufen viel zu viele Kettensägen herum", sagt er. Und außerdem müsse man bei den steigenden Heizkosten ohnehin Angst um Bäume haben, die als kostenloses Brennholz genutzt werden könnten.

"Heutzutage laufen viel zu viele Kettensägen herum"

Zuständig für Fälle wie diesen ist die Untere Naturschutzbehörde, der Fachdienst Natur- und Umweltschutz des Landkreises Ludwigslust-Parchim. Eine schnelle Stellungnahme ist auf SVZ-Anfrage zwar nicht zu bekommen, eine Mitarbeiterin verspricht allerdings, sich des Falles anzunehmen und das weitere Vorgehen zu prüfen.

Eine Idee, wie Lux der Eule für die Eiche näher kommen könnte, hat Ulf Bähker dann doch noch: "Man könnte das über die Persönlichkeit des Mannes probieren, der sich so sehr für den Baum eingesetzt hat." Eine gute Idee. Denn für viele in Goldberg ist Walter Lux ein Vorbild. Zum Beispiel für Hartmut Heincke, der Lux regelmäßig in dessen Garten zur Hand geht. "Durch Walter Lux habe ich neuen Lebensmut und eine sinnvolle Aufgabe bekommen", sagt der 56-Jährige. Hoffnung, die dem gesundheitlich stark angeschlagenen vorher niemand hatte geben können. Er bewundere den alten Mann für seine Energie und für sein Durchhaltevermögen. "Dieser Mann ist mir jeden Tag ein Vorbild", sagt Heincke.

Der spätere Berufsschullehrer Lux wurde als Sudetendeutscher vertrieben, war in russischer Gefangenschaft, wurde danach von Tschechen regelmäßig windelweich geprügelt und zu Arbeit gezwungen. Als er nach Hause zurückkehrte, lag der elterliche Bauernhof in Schutt und Asche. Tiere und Besitz - alles weg. "Schreckliche Zeiten waren das - Bilder, die ich bis heute nicht vergessen kann", sagt Lux. Es sei ein Wunder, dass er das alles überlebt habe. Später starb seine Frau und er stand mit fünf Kindern allein da. Irgendwie hat Lux das alles überstanden. Es wäre schade, wenn er ausgerechnet am Naturdenkmal scheitern müsste.

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