Erzählsalon im Kulturhaus mestlin : Erzählen, wie es war...

Zwischen acht und achtzig Jahren schwankte das Alter der Teilnehmer am Erzählsalon
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Zwischen acht und achtzig Jahren schwankte das Alter der Teilnehmer am Erzählsalon

Erzählsalons bieten Raum für das Erinnern. Im Kulturhaus Mestlin fand nun der vorläufig letzte statt

svz.de von
08. August 2016, 12:00 Uhr

Die Wände tragen die Patina von Jahrzehnten. Sie wurden nicht übertüncht. Und so bilden sie auch sinnbildlich den passenden Raum für einen der sogenannten „Erzählsalons“, die nun in kurzer Folge zum dritten Mal im Mestliner Kulturhaus stattfanden. Und es ist erstaunlich. Obgleich der durchschnittliche Bundesdeutsche gewohnheitsmäßig verwöhnt ist, was das Ambiente der Orte anbelangt, in die er ausgeht – hierher kommen soeben Menschen zwischen acht und achtzig, denen, blickt man genau hin, die Neugier auf die Geschichten, die zu hören sein werden, geradezu aus den Augen springt. Schließlich ist der Erzähltisch, als Kaffeetafel freundlich eingedeckt, mit über zwanzig Menschen eng besetzt. Das „Es-war-einmal“ kann beginnen. Zwar hat Moderatorin Katrin Rohnstock das Thema „Ein eindrückliches Erlebnis in Mestlin“ – gemeint ist in erster Linie das Mestlin zu DDR-Zeiten – ausgegeben, aber so recht präzise will sich niemand dran halten. Erzählt wird einfach und spontan vom eindrücklichen Mestlin von damals und es entsteht unter anderem ein facettenreiches Bild aus den Erzählperspektiven einer Mitarbeiterin des Konsums, der Inhaberin eines Friseurgeschäfts, einer Lehrerin, eines Polizisten, eines Spornitzers, eines Künstlers und so fort. Alle erzählen so flüssig und detailreich, dass zu spüren ist, die Erinnerung ist noch lebendig, oder umgekehrt, sie erfrischt die Erzählenden jetzt und hier sogar.

Wer wissen will, wo er heute steht, muss die Geschichte kennen, keinesfalls darf sie verdrängt werden. Eine Plattitüde vielleicht, aber wahr. Jedoch, ob Menschen vom gelebten Leben erzählen oder die Geschichte methodisch abstrahiert durch die Geschichtswissenschaft weitergegeben wird, ist ein Unterschied. In Katrin Rohnstocks Erzählsalons blicken die Teilnehmer durch das große, generalisierte Geschichtsbild hindurch auf den Alltag und das persönliche Erleben. Die eigene Rolle und Bedeutung kann sich in den vielen Erzählungen spiegeln, wiederfinden. „Das ist heilsam“, sagt Rohnstock, „und gibt Ernergie. Auch für die Zukunft.“ Die studierte Literatur- und Sprachwissenschaftlerin, die den „Erzählsalon“ erfand, startete 1998 mit der Firma „Rohnstock Biografien“ für gedruckte Biografien auf dem Prenzlauer Berg, dem „Laboratorium“ dieser Jahre, sagt sie. Und häufig kamen ältere Menschen zu ihr und wollten nichts als erzählen. So entstand die Idee „Erzählsalon“, heute ein Erfolgsmodell. 200 Salonnièren hat die geborene „Zeissianerin“ aus Thüringen bereits ausgebildet, Moderatorinnen also, die nachfragen, um den Erzählfluss zu vertiefen, aber auch auf die Einhaltung der Regeln achten: Jeder darf ausreden, die Erzählzeit ist allerdings auch begrenzt, damit viele Teilnehmer zur Sprache kommen können.

Jetzt in Mestlin erzählt beispielsweise Lotte Hansen, während Rohnstocks kleines Aufnahmegerät auf „on“ gestellt ist. Mit neunzehn Jahren als Junglehrerin kommt Lotte Hansen her. Ihr graust. „Hier mache ich meine zwei Pflichtjahre, mehr nicht“, denkt sie. Mestlin ist ein Lehmdorf damals. Der große, heute gepflasterte Platz, nur Lehm! Vom ersten Geld muss sie sich Gummistiefel kaufen. Aber das Kulturhaus und die vielen jungen Leute, die hier aus den verschiedensten Anlässen zusammen kommen, sind schließlich der Grund, warum sie doch bleibt. Die Differenz zu heute, das meint man zu spüren, schmerzt die Erzählerin sogar: „Dieses schöne Haus, das uns so viel gegeben hat“, sagt Lotte Hansen, „verwahrloste.“ Politik und Verwaltung haben die Mestliner diesbezüglich im Stich gelassen.

Auch Adelheide Poloski, gelernte Einzelhandelsverkäuferin, erinnert sich. Vier Kilometer marschierte sie ab 1953 von Ruest täglich nach Mestlin, aber ihren Beruf hat sie „mit Liebe ausgeübt“, sagt sie. Auch für sie ist es wohl das befriedigende Gemeinschaftserlebnis, das sie besonders positiv erinnert – und heute vermisst? Die Wende hat tiefgreifende Veränderungen mit sich gebracht. Vielleicht dort noch mehr, wo aus ausgesprochenen Industrieregionen renaturiertes Seengebiet für Touristen zu entstehen hatte, wie beispielsweise in der Bergbauregion der Lausitz. Auch dort wird nun erzählt, denn kollektives Erzählen heilt, „weil es relativiert“, sagt Rohnstock. Die Lausitzer Erzählsalons, an denen neuerdings auch junge Flüchtlinge (wie „Enkel“) teilnehmen, finden in Brandenburg Unterstützung und werden von der Ostbeauftragten des Bundes, Iris Gleicke, gefördert. In Mecklenburg-Vorpommern, berichtet die Schöpferin des Formats, wurden ihre Anträge bislang abgeschmettert.

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