zur Navigation springen
Zeitung für Lübz, Goldberg, Plau

18. November 2017 | 05:50 Uhr

Gedenktag : Erinnern für die Zukunft

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für Lübz – Goldberg – Plau

Eine Spurensuche vor Ort anlässlich des heutigen Holocaust-Gedenktags

Heute vor siebzig Jahren, am 27. Januar 1945, eroberte die Rote Armee Auschwitz Birkenau. Die dort noch lebten, waren gerettet, der Horror blieb und daher muss auch Erinnerung bleiben.

1933 lebten nur noch sehr wenige jüdische Bürger in Lübz. „Die Faktenlage zur Geschichte der jüdischen Gemeinde hier“, sagt Ilona Paschke vom Verein „Lübzer Land“, „ist insgesamt außerordentlich dürftig.“ Aber auch dem Wenigen kann man nachgehen: Bis gegen Ende der ersten Hälfte des 19.  Jahrhunderts – in diesen Jahrzehnten ist die Gemeinde beständig um dreißig Mitglieder stark – lebte vielleicht jener 1818 geborene Adolph Bayer schon in Lübz, ebenso die 1826 geborene (Lea) Bayer, geborene Hesse. Beider Lebensdaten sind auf Grabsteinen des jüdischen Friedhofs in der Schützenstraße überliefert. Wahrscheinlich waren sie ein Ehepaar, später wurden weitere Verstorbene dieses Familiennamens, nahe oder fernere Verwandte, in Lübz bestattet. Keinen Grabstein aber hat dort jener Leopold Bayer, der durch eine Anzeige im „Lübzer Wochenblatt“ von 1885 bezeugt ist. (Paschke) Leopold Bayer, Eigentümer eines „Tuch=, Manufaktur=, Mode= und Kurzwaarenlagers“ kündigt hier an, dass er zu ermäßigten, respektive „irgend annehmbaren Preisen“ sein Lager räumen möchte. Dann verliert sich seine Spur. Da Bayer – wieder laut Wochenblatt – nebenbei Überfahrten mit den Schnelldampfern des Norddeutschen Lloyd nach Amerika vermittelte, hat er nach der Geschäftsaufgabe möglicherweise auch selbst einen Dampfer in die neue Welt bestiegen. Viele jüdische Mitbürger wanderten gerade gegen Ende des 19. Jahrhunderts oder um die Jahrhundertwende aus Deutschland aus und das, obwohl sie seit den 60er oder 70er Jahren des 19. Jahrhunderts die vollen Bürgerrechte erhalten hatten. Aber vermutlich gerade darum trat ihnen jetzt verschärft Antisemitismus entgegen, Historiker sprechen von einem „modernen Antisemitismus“, genährt unter anderem von pseudowissenschaftlichen Rasselehren, die gegen Ende des Jahrhunderts in Europa die Runde machten.

Der große Mitgliederschwund, deutlich auf einer von Ilona Paschke erstellten Übersicht abzulesen, ereignete sich wohl aus diesem Grund zwischen 1890 und 1900. Die Zahl der Gemeindemitglieder in Lübz sank von zweiunddreißig auf elf.

Zurück zum sogenannten Dritten Reich: 1938, im Jahr der Reichspogromnacht, die eine Verschärfung der anti-jüdischen Politik einleitete, lebten noch drei jüdische Bürger in Lübz. Wieder haben wir es mit dem Namen Bayer zu tun. In der Parchimer Straße 57 wohnten Julius und Emma Bayer. Julius, ein Malermeister, starb bereits 1922, seine Frau Emma aber lebte 1941, nachdem die „Endlösung“ der Judenfrage bereits feststand, noch in der Eldestadt. Wie eine Zeitzeugin, heute 94 Jahre alt, erinnert, gelang Emma dennoch im letzten Augenblick die Flucht nach Großbritannien. Die beiden anderen jüdischen Bürger waren die Ladenbesitzer Willy und Betty Ascher. Sie verkauften ihre „Tuch und Modenwaren“ am Rathausmarkt 9 etwa 1936, angeblich aus Altersgründen, und zogen in die Plauer Straße 49. Nach der Einführung des Judensterns verließ der in Lübz so beliebte Willy Ascher seine Wohnung nicht mehr. Die Lübzer Zeitzeugin erinnert sich, dass sie ihm daher „jeden Tag“ sein Essen brachte. Auch habe Bürgermeister Baarß, obwohl Parteimitglied, eine Zeitlang die Hand über das Ehepaar gehalten, ja, es sogar kurzzeitig versteckt, da die Aschers in Lübz außerordentlich beliebt gewesen seien. Die jüdischen Kaufleute „spendierten einigen ärmeren Familien Konfirmationsanzüge, zeigten sich auch beim Anschreiben niemals kleinlich“, heißt es in Paschkes Aufzeichnungen. Irgendwann, noch während der NS-Zeit, zog das Ehepaar nach Parchim zu entfernten Verwandten, kurz darauf nach Ludwigslust. Und wieder verliert sich die Spur. Vielleicht haben sie den NS überlebt, vielleicht nicht. Dass die Methoden der Mörder effizient tödlich waren, ist bekannt. Andere Angehörige der Familie Ascher, ebenfalls Geschäftsinhaber aus Parchim, wurden nachweislich deportiert.

In gewisser Weise symbolisch führt in Lübz der seit 2007 wieder hergerichtete jüdische Friedhof die Geschichte der Gemeinde fort. Mit den Toten, die hier nach jüdischem Gebot ein ewiges Ruherecht haben, verbindet sich heute der Anlass, an diesem Ort zu trauern und sich zu erinnern. Seit 1916 gehört der Friedhof der Stadt. Dies verhinderte wohl, dass er während der NS-Zeit zerstört wurde wie der in Parchim, glaubt Wolfgang Ohlhorst, der seit dem dritten Lebensjahr in seiner Nachbarschaft lebt. Wanderer besuchen heute den Friedhof und selbstverständlich die Anverwandten der Bestatteten. Nicht selten kommen sie aus den USA. Vor dem Fall der Mauer brachte manchmal ein Wagen der Militärmission Angehörige hierher, beobachtete Ohlhorst, Chronist dieses Friedhofs mit Schlüsselgewalt.



















zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen