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Ein Grabredner im Portrait : Er redet, wenn andere sprachlos sind

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Wolfgang Ohlhorst kennt sich aus mit der Trauer. Er hat schon viele Tränen gesehen. Viel Traurigkeit, viele Sorgen, viel Kummer. Wenn er seine Kunden besucht, dann war ein anderer immer schon vor ihm da: der Tod.

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erstellt am 01.Mär.2012 | 10:57 Uhr

Lübz | Wolfgang Ohlhorst kennt sich aus mit der Trauer. Er hat schon viele Tränen gesehen. Viel Traurigkeit, viele Sorgen, viel Kummer. Wenn er seine Kunden besucht, dann war ein anderer immer schon vor ihm da: der Tod. Der Lübzer ist seit 32 Jahren Grabredner. An 3000 Gräbern hat er schon gestanden. Wenn alle anderen nur noch schweigen können, dann muss er die richtigen Worte finden. Worte für das Unsagbare.

Ausgesucht hat sich der ehemalige Berufsschullehrer seinen Zweitberuf nicht. Die Aufgabe, sie suchte sich ihn aus. Vor mehr als drei Jahrzehnten starb ein Mann. Mit der Partei hatte er es sich verscherzt, mit der Kirche auch. Sprechen wollte an seinem Grab jedenfalls niemand. Die Angehörigen des Mannes fragten Ohlhorst, ob er die Aufgabe übernehmen könne. "Ich wollte nicht", erinnert er sich. Aber am Ende spürte er zu viel Verantwortung, um Nein zu sagen. "Ich kannte die Hinterbliebenen und ich wollte sie nicht im Regen stehen lassen", sagt der Mecklenburger mit dem nordischen Akzent. Dass er mit den Grabreden einmal seinen Lebensunterhalt verdienen würde, das hätte sich der 67-Jährige damals nicht träumen lassen. Nein, wahrscheinlich hätte er es sogar abgelehnt.

Aber wieder kam nicht Ohlhorst zur Aufgabe, sondern die Aufgabe kam zu ihm. Anscheinend hatte er eine gute Trauerrede gehalten. "Immer mehr Angehörige fragten, ob ich nicht eine Rede halten könne." Und wieder konnte der damals 35-Jährige nicht Nein sagen. Irgendwann wurde er sogar Trauerredner der SED-Kreisleitung. Und das als Parteiloser. Wenn es sich die Angehörigen wünschten, dann betete er auf manchen Trauerfeiern sogar das Vaterunser. "Probleme hatte ich deshalb nie", sagt der Grabredner heute.

Weltlicher Redner statt Grabredner

Grabredner, dieses Wort mag Ohlhorst nicht besonders gerne. Er bezeichnet sich als weltlichen Redner. "Weil ich meistens bei Menschen rede, die nicht in der Kirche sind und ich außerdem nicht ausschließlich bei Beerdigungen spreche", sagt er. Als Gegenpol zu den Trauerreden tritt er auch immer wieder mit plattdeutschen Texten auf, oft mit lustigen. "Das ist ein Ausgleich, der mir sehr wichtig ist", sagt er. Auch Trauerreden hält er hin und wieder auf Plattdeutsch.

Vor einer Trauerrede trifft sich Ohlhorst mit den Angehörigen. Er spricht mit ihnen über den Toten. Über den Lebensweg, über den Charakter des Verstorbenen. "Wichtig ist mir vor allem, welche Beziehungen die Angehörigen zu dem Toten hatten", sagt er. Er ist auf die Ehrlichkeit der Hinterbliebenen angewiesen. Einseitige Reden, Hymnen auf den Verstorbenen, nein, das wolle er nicht. "Ich will niemanden mit Steinen bewerfen und ich will auch niemanden in den Himmel heben", sagt er. Jeder Mensch trage Gegensätze in sich, Gutes und Schlechtes. "Ich möchte nichts über einen Verstorbenen sagen, das nicht stimmt, aber das kann ich eben nur, wenn die Angehörigen ehrlich zu mir sind", sagt Ohlhorst und schiebt seine dicke, braune Hornbrille ein Stück zurück. Er will keinen Heiligenschein und er will keine Generalabrechnung.

Der Tod macht alle Menschen gleich. Das ist auch bei Ohlhorst so. Jeder Verstorbene bekommt zwölf Minuten von ihm. "Das ist eine Länge, die sich im Laufe der Zeit als passend herausgestellt hat", erklärt der Mann mit den kurzen schwarzen Haaren. Es ist ihm wichtig, keine Unterschiede zu machen. "Egal, wer jemand war, was er erreicht hat, welcher sozialen Schicht er angehört hat - jeder bekommt diese zwölf Minuten", sagt Ohlhorst. Wenn er redet, dann überlegt er vor jedem Satz kurz. Er legt sich die Worte zurecht und hebt dann mit seiner tiefen und leicht rauchigen Stimme zu reden an. Langsam und klar.

Einfach ist es auch für den Profi nicht, mit der Trauer seiner Kunden umzugehen. "Es kommt vor, dass mir die Tränen kommen, aber wenn ich dran bin, dann muss ich mich im Griff haben und würdevoll meine Rede halten", sagt er. Es ist wie bei einem Schauspieler - Ohlhorst hat eine Rolle, die er erfüllen muss. Egal, wie er sich gerade fühlt. Seine Aufgabe ist verantwortungsvoll. Schließlich geht es um den Tod. "Jeder Mensch macht Fehler, aber wenn ich einen Fehler mache, dann bleibt bei den Angehörigen ein besonders schlechter Nachgeschmack", sagt er.

Die Trauer wird nie ganz alltäglich

Die Trauer - im Leben von Wolfgang Ohlhorst gehört sie zum Alltag. Gewöhnen kann er sich an sie trotzdem nicht. "Es ist nicht einfach, damit umzugehen, besonders, wenn Kinder oder Jugendliche gestorben sind", sagt er. Seine Strategie: Vergessen ist nicht möglich - aber Loslassen schon.

In drei Jahren, im Alter von 70 Jahren, will Wolfgang Ohlhorst seinen schwarzen Anzug an den Nagel hängen und keine Trauerreden mehr halten. "Ich muss dann einen radikalen Schnitt machen und darf keine einzige Rede mehr halten", sagt er. Sonst könne der Absprung nicht gelingen. Wenn es soweit ist, müssen andere Worte finden, wenn alle anderen sprachlos sind vor Trauer.

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