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Rainer Fiedler aus Lübz : Er hat Gegner besiegt - und den Krebs

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Rainer Fiedler hat sie alle besiegt: die Gegner, das Schicksal, den Krebs. Er ist ein Kämpfer, hat drei schwarze Gürtel in Judo, Karate und Jui-Jitsu. Aber er hat auch einen schwarzen Gürtel in der Disziplin Leben.

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erstellt am 19.Mär.2012 | 10:00 Uhr

Lübz | Rainer Fiedler hat sie alle besiegt: die Gegner, das Schicksal, den Krebs. Er ist ein Kämpfer, hat drei schwarze Gürtel in Judo, Karate und Jui-Jitsu. Aber er hat auch einen schwarzen Gürtel im Leben.

In der Lübzer Sporthalle ist es laut. Schreie hallen durch das Gebäude. Russische, polnische, englische. Eltern feuern ihre Kinder an, ballen die Fäuste, verzerren die Gesichter. Die Menschen hier sprechen ganz unterschiedliche Sprachen, aber wenn sie ihre Kinder anfeuern, dann sind ihre Gesichtsausdrücke gleich. Es sind verschiedene Altersklassen, die hier um die "Europe Open Championship" kämpfen. Kickboxen, Jiu-Jitsu oder Judo heißen die Kampfsportarten, die auf dem Programm stehen. Die Kämpfer kommen aus Deutschland und der ganzen Welt. Organisator Hans Höhn hat sie alle nach Lübz gelockt. Aus Russland, Polen, Kasachstan, England, Norwegen, Holland, der Ukraine. Lübz international. Höhn steht auf einer Matte und gibt den Ringrichter. Er ist barfuß, die Brille trägt er tief auf der Nasenspitze. Der Lübzer trägt einen roten Anzug mit rot-goldenem Gürtel. Ein hoher Meistergrad.

Rainer Fiedler sitzt auf einem Kasten neben einer Matte. Zwei Mädchen in weißen Anzügen und roten Boxhandschuhen kämpfen gegeneinander. Fiedler schaut den Punktrichtern über die Schulter. Er ist selbst ein Kenner der Kampfkunst. Im Jahr 1954 kam der heute 68-Jährige zum Kampfsport. Eine Leidenschaft, die blieb. Der gebürtige Berliner lernte seine Frau Erika kennen, arbeitete als Elektrikermeister in Lübeck. 1983 wanderte das Ehepaar mit seinen zwei Kindern nach Australien aus. Einfach so, ins Blaue. "Wir sind nie vorher in Australien gewesen", erinnert sich Rainer Fiedler. Doch die beiden wollten einfach weg aus Deutschland, wurden in der Nähe der nordöstlichen Metropole Brisbane heimisch. Dort unterrichtete Fiedler Kampfsport hauptberuflich. "In Australien wird viel Wert auf Sport an Schulen gelegt, das war für mich eine gute Gelegenheit", sagt der kleine, drahtige Mann.

Doch nicht nur auf der Matte nahm Rainer Fiedler so manchen Kampf an, auch im Leben musste er oft stark sein. Besonders, als der Darmkrebs kam. Zwei große Operationen musste der Sportler über sich ergeben lassen. Er hat sie überstanden und glaubt, dass der Kampfsport ihm auch dabei geholfen hat. "Wer diesen Sport macht, der hat einen starken Willen und mein festes Ziel war es, diese Krankheit zu besiegen", sagt der Mann, der in Australien und im fränkischen Oberstreu (Nordbayern) lebt. Den Kampf gegen den Krebs hat er gewonnen, wenn auch angeschlagen. Fiedler hat einen künstlichen Darmausgang, kämpft deshalb selbst nicht mehr. Seine Mission ist nun vielmehr, anderen den Kampfsport weiterzugeben. Er gibt Selbstverteidigungskurse für Mädchen, arbeitet auch mit Behinderten. "Kampfsport gibt Selbstvertrauen und baut Selbstbewusstsein auf, das wird heutzutage immer wichtiger", sagt er und nickt mit dem Kopf, als wolle er sich selbst bestätigen.

Seine Frau Erika macht selbst keinen Kampfsport, ist aber trotzdem bei jedem Turnier an der Seite ihres Mannes. "Sonst würde unsere Ehe wahrscheinlich auch gar nicht funktionieren", sagt sie, legt den Arm um die Schulter ihres Mannes und zieht ihn sanft an sich. Die beiden verstehen sich schon seit Jahrzehnten. In vier Jahren feiern sie Goldene Hochzeit. Wo sie das Jubiläum feiern werden, das wissen sie noch nicht. Vielleicht in Bayern, vielleicht in Aus tralien. Schließlich leben ihre beiden Kinder dort, die Enkel sind waschechte Australier. Auch Erika und Rainer Fiedler kämpfen um ihre australische Staatsbürgerschaft. Einfach machen die Behörden den beiden das allerdings nicht. "Wir mussten schon seitenweise Formulare ausfüllen, aber bis jetzt hat es noch nicht geklappt", sagt Erika Fiedler. Aber aufgeben, das ist nicht die Sache der beiden. Kämpfen ist schließlich ihre Mission.

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