Neue Hoffnung : Emma hat das Leben neu entdeckt

Froh, sich in den Armen liegen zu können: Eine aufgeweckte Emma und ihre Mutter
Froh, sich in den Armen liegen zu können: Eine aufgeweckte Emma und ihre Mutter

Zehn Monate nach sehr schwerem Verkehrsunfall und Balancieren am Rand zum Tod ist ein fünfjähriges Mädchen jetzt wieder auf eigenen Beinen.

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10. März 2015, 22:00 Uhr

Katrin Mahnke hat ihre Tochter Emma von der Kita in Passow abgeholt und fährt auf dem Weg nach Hause wie schon unzählige Male zuvor über den unbeschrankten Bahnübergang zwischen Zahren und Gallin. Es ist der 13. Mai 2014, kurz vor 17.30 Uhr. Egal, ob sie – wodurch auch immer – abgelenkt ist oder in eine andere Richtung schaut: Die junge Frau übersieht den Triebwagen, der sich trotz Vollbremsung in den Kleinwagen bohrt und ihn dann knapp 20 Meter weit als zerfetztes Blechknäuel auf eine angrenzende Wiese schleudert. Schnell steht fest: Hätte Emma – wie sonst immer – hinten gesessen, wäre sie tot gewesen, denn an dieser Stelle gibt es von dem Auto nichts mehr.

„Nach dem unsäglichen Knall habe ich erst einmal nichts gedacht“, sagt Katrin Mahnke. „Gott sei Dank hielt sofort ein anderer Autofahrer an, der einen Krankenwagen rief. Zuerst kam die Galliner Feuerwehr, die das sofort bewusstlos gewordene Kind aus dem Auto holte. Sie war sehr schnell da, sage ich heute, aber damals kam es mir wie eine Ewigkeit vor.“

Schon bald steht fest, dass nicht nur die Haut auf der rechten Seite von Emmas Schädel zerrissen, sondern vor allem auch der Knochen darunter großflächig zerbrochen ist. Es dauert über eine Stunde, bis das Mädchen transportfähig ist. Ein Hubschrauber bringt es in die Uni-Klinik nach Rostock.


„Ich bekam unglaubliche Angst“


Ihren Vater Sven Lahser erreicht die Nachricht von dem Unfall auf der Arbeit in Parchim. „Ich weiß nicht, wer anrief, aber es war mehr ein Gestammel und ich bekam unglaubliche Angst. Meine Fahrt zur Unfallstelle konnte nicht schnell genug gehen.“ Dort angekommen, sieht er viele Feuerwehrkameraden, die er kennt, ihn jetzt jedoch kaum angucken mögen: „Eine ganz merkwürdige Situation.“

Mit einer Schulterprellung sitzt Katrin Mahnke zu diesem Zeitpunkt angeschnallt in einem Krankenwagen. Die Mutter habe immer ihr Kind anfassen wollen, was aber nicht sein durfte. Ungleich schlimmer schlägt bei ihnen ein, was die Notärztin den Eltern eröffnet: Mit ihrem Kind gehe es rapide bergab und es sehe sehr schlecht aus, was die Überlebens-Chancen betrifft.

Auch am nächsten Tag ist der Zustand bedrohlich. Emma liegt im Koma auf der Intensivstation, wird beatmet und künstlich ernährt. In alle Hirnbereiche hat es Einblutungen gegeben. Erste drastische Diagnose: Sie hat erst einmal überlebt, werde aber aller Voraussicht nach immer ein Pflegefall bleiben und man könne froh sein, wenn sie mit 18 weiß, wer sie ist. Die Eltern sind wie erschlagen. „Wie wir heute wissen, haben wir in diesem Augenblick beide unabhängig voneinander gedacht, dass es dann besser wäre, sie würde sterben“, sagt der Vater. „Wir wurden gefragt, ob wir das Kind sehen möchten. Ich erst nicht. Ich habe nur geweint. Auch später – dieser kleine, hilflose Körper mit den vielen Schläuchen...“ Das einzig Positive zu diesem Zeitpunkt sei der Hinweis gewesen, dass es Emma noch schaffen könne, weil sie so klein ist.

Erst fünf quälende Tage später ist sicher, dass das Kind überleben wird. Nach 14 Tagen wird es aus dem künstlichen Koma geholt und atmet schnell wieder selbst. Noch einmal drei Tage später öffnet Emma die Augen, aber eine richtige Beruhigung ist dies noch nicht. „Ihr Blick war leer, wodurch bei uns die Angst vor Wachkoma aufstieg“, berichtet Katrin Mahnke.

Nach drei Wochen kommt die Vierjährige – weiter nicht ansprechbar – zur Rehabilitation nach Brandenburg, wo ihre Mutter mit untergebracht und so jeden Tag bei dem Kind ist. Schon in den ersten drei Wochen macht es hier täglich große Fortschritte und irgendwann können beide in einem Zimmer schlafen. Der Aufenthalt in Brandenburg dauert fünf Monate. „Unser Ziel war, dass Emma das Haus zu Fuß wieder verlässt. Und das hat funktioniert“, sagt Katrin Mahnke.

Die heute Fünfjährige ist zwar auf einem Auge blind und zieht ein Bein nach, wenn das gespritzte Medikament nachlässt, aber ebenso lacht und spricht sie, isst wieder und verbreitet gute Stimmung – mehr als nur erstaunlich, wenn man bedenkt, dass sie wie ein Baby alles neu lernen musste. Was das Auge betrifft, gibt es noch Hoffnung und an drei Tagen in der Woche muss Emma zur Therapie, die komplett in Lübz möglich ist. Es gibt keine Vorgabe, wie lange dies noch dauern wird.

Begeistert hat die Eltern auch, dass in der Passower Kita Emmas Platz bis heute freigehalten wurde. Um ihn wieder in Anspruch nehmen zu können, müsste sie allerdings von einem Heilerzieher betreut werden. Katrin Mahnke: „Der Antrag wurde bewilligt, was schwierig zu erreichen war, aber es ist kein Heilerzieher zu finden. Deshalb kann unser Kind nicht in die Kita gehen, was schade ist, denn es würde ihr gut tun – ein Punkt, der uns traurig macht.“

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