zur Navigation springen

"Marienfließ" bei Wahlstorf/Parchim : Einst Übungsplatz, jetzt Schutzgebiet

vom

Wo früher sowjetische Soldaten ihre Unterkünfte fanden und das Waldgebiet Richtung Wahlstorf als Panzerschießplatz genutzt wurde, erstreckt sich heute ein 600 Hektar großes Naturschutzgebiet.

svz.de von
erstellt am 06.Feb.2013 | 05:06 Uhr

wahlstorf/Parchim | Bei Jännersdorf entstanden 1950-52 Unterkünfte für sowjetische Soldaten und das Waldgebiet Richtung Wahlstorf wurde als Panzerschießplatz genutzt. Zeitweilig übten hier auch Fallschirmjäger den Absprung. Im Laufe der Zeit wurde der riesige Raum von Redlin-Stepenitz-Retzow-Wahlstorf immer stärker militärisch genutzt. Dieses Waldgebiet wurde von der Bevölkerung nur "Russenwald" genannt. Der westliche Teil bis zu dem Weg, der vom Ahrensberg bei Klein Dammerow (Ahrensbergschneise) Richtung Stepenitz führt, war das Panzerübungsgelände, der östliche Teil von dem Weg bis südlich von Retzow war Übungsgelände (Bombodrom) für sowjetische Flugzeuge und später für Hubschrauber, die auf dem Flugplatz in Parchim stationiert waren. Die Detonationen der Bomben führten in Wahlstorf und Quaßlin zu Gebäudeschäden, von dem unsäglichen Krach ganz zu schweigen.

Eine Feldlandebahn für die Flugzeuge wurde in den Jahren 1923 und 1953 geschaffen. Neben der Feldlandebahn wurde ein Hubschrauberübungsgelände eingerichtet. Das durch die Abholzung des bis dahin hier stockenden Kiefernforstes gewonnene Holz wurde zur Leistung als Reparationszahlung abgeführt. Der verbleibende Kiefernforst, der "Russenwald", war unser bevorzugtes Pilzgebiet gewesen. In den Anfangsjahren konnte man dort auch noch Pilze suchen, mit fortschreitender Zeit wurde das aber immer schwieriger und auch gefahrvoller. Später habe ich mich nur noch allein reingewagt und bin öfter Russen begegnet. Einmal kam ganz plötzlich ein Russe auf mich zu, ich hatte ihn vorher nicht bemerkt, und bedeutete mir etwas mit einer Handbewegung. Er sprach mich weder auf Deutsch noch auf Russisch an. Bis ich ihn verstand: Er hatte auch Pilze gesammelt und wollte mein Messer einmal haben, um seine Pilze zu säubern. Lachend gab ich ihm das, er gab es mir zurück und unsere Wege trennten sich. Glück gehabt!

In jedem Jahr gab es auf dem Truppenübungsplatz Brände. Bei zu hohem Gras- oder Gebüschaufwuchs (Sichtbehinderung) wurde von den Russen im Februar/März gezielt Feuer gelegt. Dazu wurden die Flächen angezündet oder in Brand geschossen. Auf Grund des militärischen Übungsbetriebes kam es zuweilen auch zu großen Feuern, z. B. im August 1961 brannten ca. 400 ha südlich Klein Dammerow ab.

1991/92 erfolgten die erste Munitionsberäumung durch die Russen selbst und Sprengung der scharfen Munition auf dem Gelände vor Ort sowie der Abzug des Militärs (Hubschrauber, Panzer, Flugzeuge). Was nun mit dem Gebiet machen? Der Wald war vernichtet, durch die relative Abgeschiedenheit und dadurch, dass keine Düngung und kein Pestizideinsatz erfolgten, ist hier eine einmalige Magerrasen- und Heidelandschaft entstanden, die im Umland überhaupt nicht mehr oder nur noch in kleinsten Resten existiert. Ungewollt war also der fast naturnahe Zustand entstanden, der vor der Aufforstung vorlag. Es muss in diesem Zusammenhang daran erinnert werden, dass auch die Lüneburger Heide nicht eine natürliche Landschaft ist, sondern erst durch die Tätigkeit des Menschen - Abholzen des Waldes und Schafhaltung - entstanden ist. Naturschützer hatten sofort erkannt, welche Chancen sich bieten, wenn in dem Gebiet eine naturschutzgerechte Nutzung erfolgt.

Am 31. Mai 1992 stellte der damalige Kreisnaturschutzbeauftragte den Antrag zur Sicherung von Heideflächen im Süden des Landkreises Lübz als Naturschutzgebiet (NSG). Die einstweilige Sicherung als NSG "Marienfließ" erfolgte am 27. April 1994. Unter dem Namen "Marienfließ" erfolgte am 16. Februar 1996 die Festsetzung von rund 600 ha als Naturschutzgebiet.

Und über diesen Werdegang vom Truppenübungsplatz zum Naturschutzgebiet mit seiner einmaligen Pflanzen- und Tierwelt berichtet Udo Steinhäuser am Sonnabend, dem 9. Februar, um 15 Uhr im Café Scholz im Rahmen einer Veranstaltung des Fritz-Reuter-Klubs. Gäste sind willkommen!

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen