Kulturhaus Mestlin : Eine Reise in den Weltenwahnsinn

Zu Beginn konnte das Publikum mittels Guck-Röhrchen Bilder aus dem Inneren dieser Weltkugel erhaschen.
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Zu Beginn konnte das Publikum mittels Guck-Röhrchen Bilder aus dem Inneren dieser Weltkugel erhaschen.

Mit ungewöhnlichen Ausdrucksmitteln verführte das Theater „Ton und Kirschen” sein Publikum zu Begeisterungsstürmen

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07. Juni 2017, 12:00 Uhr

Das Wandertheater „Ton und Kirschen“ aus Berlin spielt open air vor dem Nordgiebel des Mestliner Kulturhauses und eine Germanistin – damit ist die Autorin dieses Beitrags gemeint - sucht anderthalb Stunden nach dem Handlungsfaden. Währenddessen reißt die rasende Bilderfolge auf der Spielfläche nicht ab, die schier unübersehbare Menge der „Protagonisten“, der menschlichen sowohl als auch der Puppen, der Masken und Gegenstände taumelt mit Hochgeschwindigkeit durch eine „Handlung“, die im herkömmlichen Sinn keine ist. Auf der Wiese draußen tobt sich, faszinierend und in magischem Zusammenhalt, der inszenierte Irrsinn aus und ein Publikum ist total begeistert.

In Goethes „Faust“ ist es der Teufel, der sich zum Anwalt des Lebens aufschwingt und den frustrierten Büchergelehrten auffordert, sich ins „Rollen der Begebenheit“ zu stürzen. Dies führt in mehreren klar gefassten Episoden der Handlung am Ende zu Margaretes Tod. Wie bekannt. In „Perpetuum Mobile“, der viel gelobten Inszenierung von „Ton und Kirschen“, steht am Beginn ebenfalls der Plan, eine Reise durch die Welt anzutreten, allerdings, frei nach Heinrich von Kleist, mit dem Gedanken, vielleicht „von hinten“ zurück ins Paradies zu finden. Und damit beginnt und endet auch schon der eigentlich literarische Anteil des Stücks und es beginnt ein Theater, das seine effektvollsten Mittel aus der bildenden Kunst bezieht, ein Theater der Objekte und der untermalenden Musik. Dazu irren kurze Dialoge in spanischer, englischer und deutscher Sprache – es sind die Heimatsprachen der Ensemblemitglieder – ebenso „sinnfrei“ und fragmentarisch durch den bizarren Kosmos wie alles andere. Hier hält sich nichts und niemand und bestenfalls ließe sich ein Vergleich mit der Chaotik des Nachttraums ziehen.

„Der Zuschauer ist der eigentliche Autor“, sagt David Johnston später im Gespräch. Er ist der Regisseur von „Perpetuum Mobile“. 1992 gründete er zusammen mit Margarete Biereye das freie Wandertheater „Ton und Kirschen“, das seinen festen Standort in Werder bei Berlin hat. Perpetuum Mobile, sagt Johnston unter anderem, sei 2008 als ein kollektives Werk der Ensemblemitglieder entstanden. Jedes habe seine Imaginationen eingebracht. Viele Köpfe also haben das facettenreiche Stück geschaffen und so zum Bilderbogen menschlicher Grundbefindlichkeiten gemacht, der sich in der beschrieben rasanten Art abspult. Da sind ein psychopathischer Lüstling und eine Dirne, zwei Kellner, die nacheinander, aber unter ein und derselben Perücke auftreten, und ein Gast, der das Menu, das er wünscht, nie bekommt. Da sind zwei Männer, die einen soldatischen Tarnanzug anziehen und dann aufeinander schießen, außerdem ein Theaterkarren vom Jahrmarkt, auf dem mit Marionetten eine triviale Liebesgeschichte aufgeführt wird, und ein einsamer Geistesarbeiter, dessen Buch schließlich in Flammen aufgeht. Und, und, und... Irgendwann schweben Engel mit flatternden Tuchflügeln über dem ganzen unerlösten Erdenchaos und eine vermenschlichte, aus großen Holzreifen gebaute Figur weint Wassersturzbäche. Der Hintereingang ins Paradies, er wurde nicht gefunden! Oder sollte ein Zuschauer, eine Zuschauerin sich einen anderen Schluss ausgedacht haben.

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