Gastbeitrag : Eine junge Dame droht, ihre Würde zu verlieren

Jubel am Tage derGrenzöffnung  –  von der damaligen  Aufbruchstimmung  ist nicht viel geblieben.
Jubel am Tage derGrenzöffnung – von der damaligen Aufbruchstimmung ist nicht viel geblieben.

Plauer Rechtsanwalt Willi Büchler: „Niemand ist 1989 auf die Straße gegangen, um den demokratischen Zentralismus gegen eine Elitedemokratie zu tauschen“

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01. Februar 2014, 09:00 Uhr

Am 25. Mai wird gewählt – das Europaparlament, die Kreistage, die Stadt- und die Gemeindevertretungen. Vier Monate sind noch bis dahin. Eine lange Zeit möchte man meinen. Jedoch hat der Wahlkampf längst schon begonnen. Auch in Plau am See. In einem Gastbeitrag exklusiv für die Lübzer Zeitung formuliert der Plauer Rechtsanwalt Willi Büchler seine Gedanken, seine Besorgnis – kurz, was ihn bewegt.

Gehören Sie, lieber Leser, auch zu der Generation ehemaliger DDR-Bürger, die die Aufbruchstimmung 1989/90 miterlebten? Können Sie sich noch erinnern an das Gefühl, niemand könne uns Vorschriften machen, niemand uns regulieren? Wir träumten, nirgends gäbe es Grenzen, jeder könne sein Leben so gestalten, wie er es gern möchte und der Eigeninitiative seien keine Grenzen gesetzt. Wie Traumtänzer zogen wir von dannen und jubelnd empfingen uns unsere Brüder und Schwestern in den Altbundesländern. Sie ließen sich zwar von unserer Begeisterung anstecken, aber so richtig verstanden sie uns doch nicht. Sie kannten ja die Gegenwart der BRD, die doch letztlich unser aller Zukunft werden sollte.

Um uns zu verstehen, hätte man sich mit unserem Leben, mit unserer Freude und unserem Leid der vergangenen 40 Jahre auseinandersetzen müssen, und zwar außerhalb jedes Medieninteresses, jedes politischen Kalküls oder staatlichen „Bildungsauftrags“, aber wer wollte das schon. Das war Schnee von gestern und uninteressant für die Zukunft. Wie trunken taumelten wir in die D-Mark und nahmen damit fast sehenden Auges in Kauf, dass all unsere Betriebe – der VEB Nerzproduktion, das VEG, VEB Polstermöbel, das ACZ, Kistenkühn, KfL Klebe, ZBO Retzow, die Tischler-PGH, die Handwerksgenossenschaft und, und... – die Pforten schließen mussten einschließlich ihrer Sozialeinrichtungen wie Kindergärten und Seniorenbetreuungen.

Viel hat sich inzwischen verändert. Die Dächer sind alle dicht, die Straßen heil und sauber. Die Energielage ist stabil und es stinkt im Winter in den Straßen nicht mehr nach verheizter Braunkohle. Wer das notwendige Kleingeld hat, kann reisen wohin er will. Zwar nehmen wir zuweilen an Kriegseinsätzen teil, aber das ist weit weg. Das Ausspionieren ist beängstigend umfangreich, aber doch irgendwie anonymer. Die Schlapphüte tuscheln jetzt nicht mehr mit dem Nachbarn. Jeder Rechtsanspruch ist einklagbar, freilich ist ein Prozess nicht ganz umsonst und der Ausgang zuweilen wie das Leben auf hoher See. Angestauter Tatendrang entlud sich in zahlreichen Firmengründungen, die allerdings hier und da auch ohne Sicherungsnetz erfolgten und in ungeplanter Insolvenz endeten. Zum Glück haben wir da aber noch die Banken, deren Existenz und Gewinn auf jeden Fall durch unsere Abgaben gesichert ist. Beachtlich ist die große Vielfalt kulturellen Lebens. Ich meine damit nicht nur die Großveranstaltungen wie die Festspiele in Mecklenburg-Vorpommern. Straßenfeste in der Steinstraße und in Quetzin oder das Burgfest machen das Leben bunter, die Wannenrallye konnte sich weiter profilieren. Wer Interesse hat, kann singen, malen, musizieren – zuweilen auch hier gegen ein entsprechendes Aufgeld, da sich grundsätzlich alles vermarkten lässt – und es ließe sich noch weit mehr aufführen. Die größte Anerkennung scheint jedoch die Veranstaltungsreihe mit St. Petersburger und Weimarer jungen Künstlern bei ihren jährlichen Auftritten in den deutsch-russischen Jugendkonzerten in Plau zu verdienen und das nicht nur wegen ihrer Kreativität, sondern auch wegen des hohen Niveaus. Breite Bürgerbewegungen stritten für den Erhalt der Natur und ließen sich auch von Rückschlägen nicht entmutigen.

Das alles – und noch viel mehr – ist aber nur möglich geworden, weil der Ossi mit seinem Gang auf die Straße sich für eine demokratische Grundordnung entschieden hat. Mit der Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz und den verschiedenen Möglichkeiten der Einflussnahme, von denen die Wichtigste die direkte freie Wahl zu sein scheint, werden Initiativen der engagierten Bürger erst möglich und in die erforderliche Richtung kanalisiert. Freilich, die Umsetzung erfolgte ein wenig holprig, weil das Terrain noch ungewohnt und ein wenig schwierig war. Es sollten einerseits zwar alle gleich, aber so ganz gleich auch wieder nicht sein. Aber in der neuen BRD gab es doch genügend Hilfswillige. Ganz uneigennützig leisteten Partnerstädte Anleitungshilfe, für Plau war es u.a. die Stadt Plön. Nicht ganz so uneigennützig stellten sich Verwaltungsfachleute aus dem Ruhestand zur Verfügung, Wissenschaftler, deren Erfahrungen über ein ganzes Leben reichten, und Fachleute aller Couleur sprangen in die Bresche. Nach Plau zogen Heimatverbundene, Naturliebhaber, Ruhebedürftige, die sich in das gesellschaftliche Leben einbrachten und so entstand eine vielfältige Parteien- und Kulturlandschaft, vielfältiger noch als uns das der jährliche Rundbrief der Ortsgruppe der CDU vermittelt, die jeglichen Fortschritt als originären Beitrag ihres Wirkens reklamiert.

Letztlich zeigt sich heute wie auch in der Vergangenheit, dass das gesellschaftliche Leben im Territorium mit jenen steht und fällt, die sich unermüdlich und im täglichen Ringen uneigennützig um das Wohl der Stadt und ihrer Bürger bemühen. Sowohl die Wannenrallye als auch die Bewegung „Rosen für unsere Stadt“ das Wirken des Chores unserer Stadt oder die Organisation der Jugendkonzerte leben letztlich von Einzelengagements. Hier liegen – soweit nicht Alters- oder Gesundheitsprobleme entgegenstehen – die Reserven für künftige kommunalpolitische Vertretungsvollmachten der Plauer Bürger.

Die Demokratie wird vielfach als politisches System und Verfassungsprinzip wahrgenommen, das schon durch die bloße Existenz die Rechte aller Mitglieder der Gesellschaft gewährleistet. Wir alle wissen, dass dies nicht so ist. Erst gelebte und tätige Demokratie macht mögliche Träume wahr. Schon bei den antiken Modellen wurden Gleichheitprinzipien Eliteinteressen entgegengesetzt. Sie bedeuteten letztlich das Ende der klassischen Demokratie. Längst wird auch bei uns vielfach Aufopferungsbereitschaft schnödem Lobbyismus geopfert. Ich kenne einen Abgeordneten, der nur zur Wahrnahme seiner eigenen Interessen kandidiert hat. Sie auch? Dann sind es wahrscheinlich schon zwei.

Mehrere Wahlveranstaltungen liegen vor uns – Kommunalwahlen, Europawahlen, Bürgermeisterwahlen. Die Kandidaten haben eigentlich nur Chancen, wenn sie von den Parteien nominiert werden. Und genau dort hat die Rangelei längst begonnen, denn es scheint, dass einige unserer Mitbürger die Demokratie nur noch als Mittel zur Durchsetzung ihrer ganz persönlichen Interessen ansehen, sowohl im Großen als auch im Kleinen. Niemand ist 1989 auf die Straße gegangen, um den demokratischen Zentralismus gegen eine Elitedemokratie zu tauschen.

Träumen Sie also weiter, lieber Leser. Es tut gut und macht Sie psychisch bestimmt stabiler. Nur – jetzt kennen Sie die Realität. Strafen Sie jede Partei ab, die willige und leistungsfähige Kandidaten ausschließt. Wehren Sie sich gegen die Neuwahl von Kandidaten, die Sie enttäuscht haben. Die Zukunft wird es ihnen danken. Die DDR bestand 40 Jahre, die wiedervereinigte BRD wird erst 24. Stehen Sie doch der jungen Dame zur Seite, sie droht, ihre Würde zu verlieren.

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