Musikalischer Genuss : „Ein wunderbarer Glücksfall“

Die fröhlichen Forellen… Fotos: Dr. Gotthold Hiller
Die fröhlichen Forellen… Fotos: Dr. Gotthold Hiller

Die neu gegründete Gruppe „Camerata musica“ aus Wismar erweist sich als kultureller Höhepunkt beim Plauer Musiksommer

svz.de von
03. September 2015, 11:42 Uhr

Eine Forelle schwimmt im Bach – musikalisch ist beides möglich, wie gerade beim Plauer Musiksommer in der Marienkirche wieder zu erleben. Musik erst des Bach-Sohnes Carl Philipp Emanuel (1714-1788). Und zwar die Sinfonia C-Dur für Streicher und Basso continuo; zuletzt das Forellenquintett A-Dur von Franz Schubert (1797-1828) und dazwischen von Georg Philipp Telemann (1681-1767): Concerto C-Dur für Altblockflöte, Streicher, Basso continuo.

Musiziert hat die neu gegründete Camerata musica Wismar. Man muss ganz uneingeschränkt feststellen: Die neue Formation hat sich als wunderbarer Glücksfall präsentiert. Gleich am Anfang ließ die C-Dur Streichersinfonie von C.Ph.E.Bach aufhorchen. Vom ersten Ton an musikalischer Schwung in höchster Präzision, leichtfüßig, durchsichtig musiziert, sodass es eine reine Freude war, sich von dieser Musik in ihren Bann schlagen zu lassen. Das feurige Temperament der sechs Musiker – Heide Sooß und Saskia Schuldes, Violine, Eckart Prätorius Bratsche, Volker Schubert Cello, Sebastian Sarfert Kontrabass und Annerose Schuldes Cembalo – riss das Publikum mit. Der erste Satz des Werkes war zudem eine Hommage an Vater Johann Sebastian, der in seinem letzten (unvollendeten) Werk zum ersten Mal seinen Namen B-A-C-H in Töne setzte – so auch hier zu hören im Continuo.

Blockflöte. Mancher schaltet bei dem Wort schon ab, dank erzwungenem frühkindlichem Missbrauch des Gerätes. Jedoch konnte jeder seine Vorbehalte schwungvoll in die Ecke werfen, als Bianca Schubert mit dem Telemann-Konzert loslegte. Ein derartiges Feuerwerk barocker Spielfreude hat man noch kaum gehört. Die Zuhörer waren absolut fasziniert von der im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubenden Virtuosität der Künstlerin. Im letzten Satz, harmlos als „Tempo di Minuet“ bezeichnet, jedoch rasend im Tempo, gab es Tonrepetitionen, die man eigentlich nicht für möglich halten wollte.

Knapp hundert Jahre später kommt Franz Schuberts Klavierquintett A-Dur mit einer ganz anderen Virtuosität daher. Sein nach dem Text des schwäbischen Freiheitskämpfers Friedrich Schubart komponiertes Lied – Schubart dichtete den Text während seiner Zeit auf der Festung Hohenasperg, wo er vom württembergischen Herzog Karl-Eugen gefangengehalten wurde – ist ein versteckter Aufruf an die Menschen, auf der Hut zu sein und sich nicht die Sicht auf die Freiheit und den Mut zur Menschlichkeit nehmen zu lassen. Immer wird es gefährlich, wenn man, benebelt von Verführern und Verhetzern, vor den Mächtigen resigniert. Im Bild fängt der Angler die Forelle, indem er das Fischwasser eintrübt. Dieses Lied wird eingebettet in ein fünfsätziges Werk.

Annerose Schuldes ließ den alten Blüthnerflügel in allen Farben erblühen. Die rasenden Tonleiterläufe im ersten Satz kamen im Klavier und vor allem auch in der Violine (Heide Sooß) mit einer souveränen Leichtigkeit, die Bratschenbegleitung wunderschön präzise zur Darstellung. Warm erklang das Andante, die Satzbezeichnung „Presto“ wurde im 3. Satz, dem Scherzo, wahrhaft wörtlich genommen und trotzdem waren alle Töne exakt hörbar. Dann der berühmte Variationssatz, der dem Werk seinen Namen gibt. Nach dem choralartig schlicht vorgetragenen Liedthema kommen hier alle zu Wort: ob im Klavier, teils in akrobatischen Unisonoläufen, der Violine, hier teils in höchsten Höhen, in der Bratsche mit wunderbaren Umrankungen, im Cello vor dem dramatischen Höhepunkt oder auch in der Bassvariation – die Freude an der wunderbaren Musik sprach aus den Gesichtern der Musiker. So endete das Werk dann auch heiter im letzten Satz, Allegro giusto, sprühend vor musikalischen Einfällen, spritzig gespielt, das Publikum begeisternd. Entsprechend der nicht enden wollende Beifall der zahlreichen Zuhörer, für den sich die Künstler mit Variationen aus dem Forellensatz bedankten. Das Konzert war nach dem Bravourkonzert von Michael Schulz ein weiterer absoluter Höhepunkt des Plauer Musiksommers.

Großer Dank gebührt den Musikern. Aber auch Viola Utes, die themengerecht Forellenbrötchen vor und nach dem Konzert anbot, das Angebot wurde angenommen, alle Brötchen waren hinterher weg.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen