Interview Andreas Prinz : Ein Weg zu den Menschen und zu sich selbst

Aller guten Dinge sind drei: Andreas Prinz aus Dobbertin will den Jakobsweg noch einmal gehen – noch in diesem Jahr.
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Aller guten Dinge sind drei: Andreas Prinz aus Dobbertin will den Jakobsweg noch einmal gehen – noch in diesem Jahr.

Andreas Prinz aus Dobbertin verdankt dem Jakobsweg eine Wende in seinem Leben.

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06. März 2016, 12:00 Uhr

Der Potsdamer Andreas Prinz, Jahrgang 1960, war lange auf der Suche nach einem Leben, von dem er sagen könnte, es sei seines, er sei angekommen. Zwei Wanderungen auf dem Jakobsweg 2008 und 2014 haben ihm bei dieser Suche entscheidend geholfen. Gegen Juni dieses Jahres wird Prinz ein drittes Mal aufbrechen. 2018 gar plant er, nicht in den Pyrenäen zu starten, sondern den ganzen Weg von Dobbertin bis Santiago de Compostela in Galizien zu Fuß zu gehen.
Während seiner Wanderungen entstanden an die 3000 Fotos. Mit diesem Material möchte Andreas Prinz auch andere Menschen begeistern und nutzt es, um Bildvorträge zu halten. Am 18. März um 19 Uhr wird er im Mehrgenerationenhaus in Lübz zu sehen und zu hören sein.

Herr Prinz, fangen wir einmal so an: Wie gefällt Ihnen Lübz?
Lübz ist ein nettes, ruhiges Städtchen. In großen Städten fühle ich mich einfach nicht mehr wohl. Außerdem mag ich alte Bausubstanz und die hat man in Lübz sehr schön erhalten, ganze Straßenzüge sogar.
Verraten Sie den Lesern, welchen Beruf Sie haben?
Ich habe mehrere Berufe gelernt. Zu DDR-Zeiten habe ich einen Beruf gelernt, den es so wie damals heute auf Grund der elektronischen Entwicklung nicht mehr gibt: den des Elektrosignalmechanikers. Später habe ich auch noch Tischler gelernt.
Betrachtet man Karten zum Jakobsweg, sieht man ein ziemliches Gewirr von Wegen, vor allem in Deutschland und Frankreich.
Ja, aber in den Hauptweg, den Camino Francés mit seinen über 800 Kilometern, münden dann alle Wege, die aus dem nördlicheren Europa ankommen. Er beginnt bei den Pyrenäen und führt über Städte wie Pamplona, Burgos und León bis zur Kathedrale von Santiago de Compostela, auf der übrigens, das hat mich 2008 noch erstaunt, sogar Büsche wuchsen und das am drittwichtigsten Pilgerort der Welt, nach Rom und Jerusalem. Mittlerweile wurde die Fassade restauriert.
Der Camino Francés ist seit 1993 Unesco-Welterbe. Der Europarat hat ihn zur Kulturroute erhoben. Wie fühlt man sich, wenn man einen so hochdekorierten Weg begeht?
Für mich bedeuten diese Auszeichnungen nicht viel. Aber sie haben allgemein positiv gewirkt. Dadurch haben sich die Verhältnisse zum Beispiel hinsichtlich der Pilgerherbergen verbessert. Heute findet man mitten in der Pampa Herbergen mit Sauna und sehr gutem Essen.
Stöbert man im Netz, fällt auf, dass es schon eine regelrechte Jakobsweg-Reise-Industrie gibt.
Ja, das stört mich auch etwas. Es verfälscht vieles. Durch Bücher und Filme werden Erwartungen geweckt. Manche möchten das gleiche Erlebnis wie die Autoren haben, finden es in sich aber nicht wieder. Nach zwei, drei Tagen steigen sie dann unter Umständen aus. Andererseits, wenn ältere Leute zum Beispiel den Weg nur mit Hilfe einer Reiseorganisation bewältigen können, ist das in Ordnung.
Natürlich, achthundert Kilometer sind keine Kleinigkeit ... wer die durchgestanden hat, ist ein anderer geworden.
Sind Sie auch ein anderer geworden, Herr Prinz?
Allerdings. Aber ich muss etwas ausholen. Ich war immer ein Suchender und habe mich dabei auch verlaufen. Zum Beispiel hatte ich mich selbstständig gemacht, war gutgläubig und machte damit in einigen Fällen sehr schlechte Erfahrungen. Das führte mich in das Anfangsstadium einer Depression. Dann aber entwickelten die Dinge sich langsam zum Besseren. Ich zog aufs Land, fand dort gute Freunde und hörte zum ersten Mal vom Jakobsweg. Das Mystische war, dass ich dem Thema von da an immer wieder begegnete, ich stieß auf Bücher, auf Filme über den Jakobsweg. Ich habe gefühlt, diesen Weg zu gehen, das ist der Cut, den ich in meinem Leben vollziehen muss.
Sie waren ganz sicher?
Völlig und ich wurde auch nicht enttäuscht. Man durchläuft tatsächlich einen Reinigungsprozess in Phasen. Zuerst ist ein gebirgiges Stück Weg zu bewältigen. In dieser Phase hat man den Kopf noch voller Erinnerungsbilder an daheim, noch fühlt man sich wie im Urlaub. Dann beginnt die ungeheure Fläche der Meseta, die Einsamkeit in dieser Kornkammer Spaniens. Aber jetzt nimmt der Weg einen irgendwann auf. Gewohnheiten verschwinden und Begegnungen mit Menschen werden prägend. Auf dem Weg gehen die Menschen anders miteinander um, sie sind wirklich gleich geworden. Die Sensibilität hat zugenommen, manches auf dem Weg erlebst du wegen der inneren Veränderung in einer anderen, neuen Bedeutung. Und dann kurz hinter León geht’s in die galizischen Berge, da gibt es an einer Stelle einen großen Steinhaufen am so genannten „Cruz de Ferro“, einem fünf Meter hohen Holzpfahl, auf den ein Eisenkreuz montiertist. An dieser Stelle legen die Pilger seit Jahrhunderten symbolisch einen von zu Hause mitgebrachten Stein ab.
Symbol für abgelegte „Seelensteine“?
Ja, für die Lasten des Lebens, die einen bisher beschwert haben. Den Abschluss der Wanderung bildet dann die Pilgermesse. Auch sie ist ein tolles Gemeinschaftserlebnis. Während der Messe ziehen mehrere Mönche einen achtzig Kilo schweren Weihrauchkessel hoch und schwenken ihn. (Lacht) Sehr eindrucksvoll. Ein Highlight.
Vielen Dank für das interessante Gespräch. Bleiben Sie ein treuer Novize des Jakobswegs!

Bestimmt!







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