Lübz : Ein überragender Abend mit Herbert Köfer

Herbert Köfer gestaltete den Abend mit einer Mischung aus Vortrag und Lesung.
Herbert Köfer gestaltete den Abend mit einer Mischung aus Vortrag und Lesung.

Im voll besetzten Mehrgenerationenhaus erzählte der Schauspieler aus dem Bühnenleben, vom Alter und vom „Tag der deutschen Kuh“

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27. April 2015, 22:00 Uhr

Was erwarteten die zahlreich erschienenen Zuhörer und Zuhörerinnen von Schauspielstar Herbert Köfer? Geschichten, Anekdoten aus der Theater- oder TV-Welt, die nie ans Rampenlicht gelangt waren? Rückblicke in eine Zeit, die alle, die hier im Mehrgenerationenhaus versammelt waren, nicht erlebt hatten, der Schauspieler, Jahrgang 1921, aber schon? Oder Einblicke in Persönliches, in Haltungen, Standpunkte eines Mannes, der für seine Schauspielkunst bewundert wurde und daher auch Interesse an seiner Person hervorgerufen hat?

An diesem Abend im Mehrgenerationenhaus erhielt das Publikum von all dem etwas. Zudem war die Auswahl, die Köfer für seine Mischung aus Vortrag und Lesung getroffen hatte, vom Unterhaltungswert bestimmt und der bestimmte sich wiederum meist nach dem Humorgehalt der einzelnen Darbietungen. Sie waren schließlich mit dem Titel, der gleichermaßen Titel seines 2008 erschienenen Buchs ist, überschrieben: „Nie war es so verrückt wie immer.“

Ein bisschen „verrückt“ war es auch, wie das Thema Alter durch diesen Abend geisterte. Ist es denn nicht ein bisschen widersinnig vom Leben, wenn manch einer das Alter schmerzhaft einschneidend mit etwa Siebzig erfahren muss, manch einer aber, wie etwa Herbert Köfer, mit Vierundneunzig noch voll im Leben zu stehen scheint? Köfer erinnerte sich nicht ohne Stolz, dass der mit ihm befreundete ehemalige Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, bemerkt habe: „Deinen Nachruf muss die Senatskanzlei ständig wieder neu überarbeiten.“ Das Publikum reagierte amüsiert auf witzige Einsprengsel dieser Art. Das Frappante aber war, zu erleben, wie der Schauspieler fast ohne Einschränkung immer noch Schauspieler war. Die Stimme, angenehm tief, war kaum vom Alter gebrochen, lag in der Gestaltung, im Ausdruck immer auf einer Wellenlänge mit dem Sinn der Worte. Meist blieb Köfer dezent. Höhepunkte des Abends waren daher die Parodien auf einen betrunken lallenden Kabarettkollegen und einen mit überzogener Emphase deklamierenden Schauspieler, der es dauernd mit dem „Lear“ hatte: „Mein Vater, bettlergleich geführet, Welt , oh Welt …“ Der Abend war keinen Augenblick langweilig.

Ja, das Talent. Jede Schauspielerbiographie beginnt so richtig erst mit den entscheidenden Prüfungen vor erlauchten Lehrergremien: Ein erster Test bescheinigte dem jungen Köfer „Die Eignung scheint gegeben.“ Dann auf der Schauspielschule war eine andere Hürde zu nehmen. Köfer sollte seine abstehenden Ohren operieren lassen. Er fürchtete die Operation und legte die Ohren mit Mastix an. Aber „Plopp“ und noch einmal „Plopp“ versagte der Mastix in der Hitze des Spiels seine Dienste. Erst stand ein Ohr wieder ab, dann das andere. Der Direktor, belustigt, orakelte: „Köfer, Köfer, sie werden bestimmt Komiker“.

Dergleichen Schauspieleranekdoten, wie sie beispielsweise auch die humorvolle Autobiographie eines Curt Goetz würzen, hatte Köfer einige parat. Nachdenklich hingegen stimmten seine Erinnerungen an die deutsche Wiedervereinigung. Mit viel Sinn für das gleichnishafte Potential einfacher Alltagsereignisse trug der Schauspieler seine Version vom 3. Oktober vor, dem, wie er es ausdrückte, „Tag der deutschen Kuh“: In seinem noch zur DDR-Zeit erstandenen französischen Auto war Köfer auf der Autobahn in der Nähe von Halle unterwegs. Dann schepperte es. Der Schauspieler hatte eine auf die Bahn verirrte Kuh überfahren und hinter ihm mehrten sich die Auffahrunfälle. Zufällig waren alle anderen Beteiligten Westdeutsche. Geschimpfe: „Blöde LPG-Kuh. Zonen-Rind.“ Sein direkter Unfallgegner weihte Köfer indes ausführlich in die Rituale des westlichen Versicherungssystems ein: „Sie müssen sich bei der Allianz melden.“ Aber der Ausbruch der Kuh aus ihrer vergatterten LPG, philosophierte Köfer sinngemäß, sei dem Ausbruch der DDR-Bürger aus ihrem Staat vergleichbar. Auch die Kuh habe in die Freiheit wollen. - Nun war sie tot.

Das Publikum im hübsch renovierten Veranstaltungsraum des MGH folgte dem Vortrag konzentriert. Gegen Ende gab es reichlich Beifall und Köfer spendierte Zugaben. Sein bescheidener Kommentar: „Sie sind sitzen geblieben, da habe ich das Gefühl, ich bin immer noch in Mode.“


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