Flüchtlingsproblematik : Ein Thema, das Erhellung braucht

Bericht aus der Praxis: Otto Wynen, Leiter des Aufnahmeheims Neuruppin-Treskow, sprach über seine Erfahrungen. Fotos: Monika Maria Degner
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Bericht aus der Praxis: Otto Wynen, Leiter des Aufnahmeheims Neuruppin-Treskow, sprach über seine Erfahrungen. Fotos: Monika Maria Degner

FAL veranstaltete im Wangeliner Lehmhaus Tagung zum Thema Flüchtlinge auf dem Land

svz.de von
17. November 2015, 11:25 Uhr

Keiner weiß so recht, wer, wo, wie und wann. Wann erreichen Flüchtlinge auch unsere Kommune, wieviele werden es sein, unter welchen Umständen werden sie untergebracht - und mit uns leben? In ein Vakuum allgemeiner Unsicherheit, die in der aktuellen Lage einigermaßen natürlich ist, tragen Medien täglich Berichte über die Spitze sensationsträchtiger Vorfälle, die von vielen ins Normale und Alltägliche übertragen werden. Das Fazit, heruntergebrochen etwa auf das Amt Eldenburg Lübz: Eine „Flut unterschiedlichster Gerüchte, die vollkommener Blödsinn sind“, machen die Runde, so Verwaltungschefin Gudrun Stein auf der jüngsten Sitzung des Amtsausschusses (wir berichteten).

Auch der FAL in Wangelin als ein Verein, der im Ländlichen tätig ist, konstatierte ein zu großes Defizit an praktischem Wissen, naturgemäß erst recht an Erfahrungswissen in der Flüchtlingsfrage, um diesbezüglich in eine fundierte Planung einsteigen zu können. Daher veranstaltete der Verein nun gemeinsam mit dem Anne-Frank-Zentrum in Berlin eine Tagung zum Thema „Flüchtlinge auf dem Land“ mit der Titelfrage: „Integration als eine zusätzliche Belastung oder Chance für eine gemeinsame Perspektive?“


Fakten und Erfahrungen


Fakt ist: Flüchtlinge werden nach dem sogenannten Königsteiner-Schlüssel gemäß Bevölkerungsdichte und Steueraufkommen zuerst auf die einzelnen Bundesländer verteilt. Für Mecklenburg-Vorpommern gilt nach Bremen und dem Saarland die niedrigste Quote. Nach maximal drei Monaten (bisher) in der Erstaufnahme werden die Asylsuchenden – nun versehen mit ihrer „Akte“ – auf die Landkreise verteilt und die Wartezeit von zwölf Monaten bis zum Entscheid über den Asylantrag beginnt. Bei positivem Ausgang werden die Betroffenen an die Arbeitsämter verwiesen, können sich jetzt aber räumlich frei im Bundesgebiet bewegen. Den Gemeinden, teilte Gudrun Stein in der vergangenen Woche mit, werden die geflüchteten Menschen in unserem Landkreis erst nach dem positiven Bescheid über ihr Bleiberecht übergeben.

Dies sind einige der Rahmenbedingungen, der Prozess aber ist dynamisch und nicht nur hinsichtlich der zurzeit nicht absehbaren Flüchtlingszahlen. (Der Landkreis rechnet bis Jahresende etwa mit insgesamt 2000 zugewiesenen Personen, macht 1% der Gesamtbevölkerung.) Dynamiken entfalteten sich auch vor Ort zwischen der Partei der Helfer und den Gegnern einer Flüchtlingsaufnahme in der unmittelbaren Wohnumgebung. Das wird sich vielleicht auch im kleinen Ort Wangelin so abbilden, denn der FAL würde unter Umständen gerne Wohnraum zur Verfügung stellen, auch ein Projekt für Flüchtlinge auf die Beine stellen. Es könne zu Konflikten kommen, überlegt Gartenleiterin Beate Neumerkel, aber man möchte die Dorfbewohner mit „ins Boot nehmen“.

Konflikte müssen ehrlich und offen ausgestanden werden. Andererseits – wer liebt sie schon? Otto Wynen, einem der geladenen Referenten, hörte man daher besonders gerne zu. Der ehemalige Fernseh- und Hörfunkjournalist leitet seit einigen Jahren ein Aufnahmeheim in Neuruppin-Treskow, in dem aktuell 220 Bewohner aus 27 Nationen leben. Wynen also bringt reale Erfahrungen nach Wangelin mit. In seinem Landkreis lebten vor dem großen Flüchtlingsstrom 2,1% Migranten, jetzt sind es 1,5% mehr. „Freundlichkeit und Respekt“, sagt Wynen, „sind die Werte, die wir in der Unterkunft einfordern.“ Offensichtlich funktioniert es. Zwischen seinen Erfahrungen und den Worst-Case-Berichten der Medien erlebt Wynen, selbst Journalist, „eine riesige Diskrepanz“. Auch in Treskow habe es Widerstand gegeben, berichtet er, „aber der löst sich meist schon nach drei Tagen auf, denn die Leute merken: Die tun ja nichts.“ Die Kriminalitätsrate im Landkreis hat sich nicht geändert.

Nach jedem Tagungsbeitrag werden im Plenum weitere Erfahrungen geschildert und Standpunkte diskutiert. Auch Ilona Bartels, Thomas Hansen und Takwe Kaenders sind hier, alle drei sowohl im Verein Rothener Hof als auch neuerdings im Helferkreis Dabel engagiert. Seit Oktober gibt es im ehemaligen Schullandheim in Dabel bei Sternberg eine Unterkunft für Flüchtlinge. Sofort nach der Bekanntgabe wurden 15 Kinder aus der im selben Haus untergebrachten Kita abgemeldet, berichtet Ilona Bartels. Als dann die NPD eine Demo vor dem Heim angemeldet habe, organisierte der Bürgermeister spontan eine Gegenveranstaltung mit Lichterkette. Mehr Licht, könnte man meinen, ist in diesen Angelegenheiten ohnehin angesagt. Mehr Licht könnte leuchten, indem man näher herantritt an die geflüchteten Menschen, um sie kennenzulernen. Gerade im intimeren ländlichen Bereich dürften die Hürden dahin nicht allzu hoch sein. Der Helferkreis Dabel jedenfalls scheut die Nähe zu den 57 Bewohnern der Unterkunft, darunter viele Familien, nicht und ergreift nebenbei die Chance, die sich zwischenmenschlich bietet, den Horizont zu erweitern. Interkulturelle Begegnung war immer schon ein Gewinn.


Chancen für ländliche Regionen


Chancen eröffnet die Aufnahme von Flüchtlingen auf dem Lande wahrscheinlich auch in praktischer und materieller Hinsicht. Vermietung von Wohnungen, die bisher leer standen, Verbesserung der Verkehrsinfrastruktur, Zuwachs im Handel und an Beschäftigung in Handwerk, Verwaltung und im Unterrichtswesen. Derzeit fließe viel Geld in Richtung Bildungsträger, Kammern und Arbeitsagenturen, weiß Anton Schuenemann, der sich in einem Berliner Projekt um Arbeit und Ausbildung für Flüchtlinge kümmert. Also gelte es, Chancen kreativ zu nutzen.

Zudem werden in Handwerk und Industrie allgemein junge Bewerber vermisst und gut ausgebildete Fachkräfte sind sowieso gesucht. Wynen dazu: „Die Unternehmer stehen uns auf den Füßen mit der Aufforderung: Wir brauchen junge Leute.“ Seit Jahren drückt Wirtschaft und Politik schließlich das Demographie-Problem und in der aktuellen Flüchtlingspolitik ist, wie bekannt, in dieser Hinsicht auch einiges Kalkül im Spiel. Dass gerade die Unternehmen aber deutlich zu wenig tun, um die Stimmung im Lande zu verbessern, kritisiert Petra Schickert vom Kulturbüro Sachsen. Sie betreut Flüchtlinge im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge.

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