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Zeitung für Lübz, Goldberg, Plau

16. Dezember 2017 | 15:57 Uhr

Ein Straßenzug im Weihnachtsfieber

vom

svz.de von
erstellt am 16.Dez.2012 | 04:54 Uhr

Plau am See | Selbstbewusst stemmt sich Michel die Hände in die Hüften. Er mustert den weißbärtigen Mann im roten Mantel, der vor ihm auf dem Boden kniet. Sein Gesicht ist kaum zu sehen, die Stimme tief und brummig. Nein, der macht dem Jungen keine Angst. Mit entschlossener Stimme trägt Michel sein Gedicht vor. Nach der letzten Strophe strahlt er erwartungsvoll. Der Weihnachtsmann mustert den Jungen und lacht. "Das hast du toll gemacht". Er kramt im Geschenkesack und reicht dem Jungen ein Päckchen. Stolz reckt der das Präsent in die Höhe und bahnt sich den Weg durch die Massen zurück zu seiner Mutter. Der Weihnachtsmann lauscht längst der nächsten Kinderstimme. Einen ganzen Sack voller Geschenke haben er und seine Rauschgoldengel für die Plauer Knirpse auf die Bühne am Burgplatz geschleppt. Die Bescherung ist das heißersehnte Highlight der Plauer Weihnachtsstraße - zumindest für die Kinder. Die Eltern harren am Bühnenrand aus, gönnen den Kleinen den Spaß und herzen sie anerkennend, wenn sie geschenkbepackt die Treppe hinabsteigen.

Holzbuden, Verkaufsstände und Zelte säumen die Steinstraße. Gewerbetreibende und Ehrenamtler locken mit Weihnachtsleckereien und der Chance auf das große Losglück. Mutzenduft mischt sich mit Glühweinaroma. Gemütlich schlendern die Plauer über das Kopfsteinpflaster. Ein Schnack mit Freunden und Bekannten entschleunigt den vorweihnachtliche Einkauf. Während der letzte Schnee von den Bordsteinen taut, drängt sich eine Familie an einen Feuerkorb. Frau und Kinder wärmen sich die Hände, Vatern genießt den Kuchen, den er soeben am Stand nebenan ergattert hat. Zwischen einer Bude und einem Kleintransporter zittert Heidi Mescke an einem reichgedeckten Tisch. Mit ihrem Team von der Plauer Tiersta tion trödelt sie für den guten Zweck. Mescke rückt zwei Keramikteelichter zurecht und preist sie einer Kundin an. "Sind die nicht schön", fragt sie. "Wir müssen ein bisschen was zusammenkriegen für unsere Tierchen", sagt die Tierstations-Leiterin. Die Kundin zückt die Geldbörse.

Ein Stück die Steinstraße hinunter hat Tino Reichelt schwer zu schleppen. Zwischen einem Meer aus Tannen soll er einen kleinen Baum herausfischen. Die Kundschaft will den frisch geschlagenen Schleswig-Import genau begutachten. Tino hievt den Baum auf die Straße, dreht und wendet ihn. Kritisch beäugen die drei Interessenten ihre Wahl. Ja, der Baum kann in ihre Stube einziehen. Tino Reichelt wuchtet den Baum in die Tonne, streift ihm ein weißes Netzt über und hebt den Kunden das nadelige Paket auf die Schultern. Statt hier zu zittern, könnte Tino es sich eigentlich an einer gemütlichen Kaffeetafel gutgehen lassen. Schließlich hat er heut Geburtstag. "Aber die Arbeit geht vor", sagt er und zuckt mit den Schultern. Schuften statt Schlemmen. Im Verkaufsstand nebenan holt Michael Reichelt eine Ente aus der Auslage, legt sie auf die Waage und schaut auf die Digitalanzeige. "Das sind 3,3 Kilo. Ist das in Ordnung?", fragt er die Frau mit Strickmütze, die eifrig in ihrem Portmonee kramt. Sie nickt und reicht die Geldscheine über den Tresen. Schnell greift sie die Tüte und reiht sich in den Menschenstrom, der sich seinen Weg durch die Steinstraße bahnt. Minuten später aber steht sie wieder an Reichelts Stand. "Jetzt weiß ich, woher ich Sie kenne - aus dem Fernsehen", sprudelt es aufgeregt aus ihr heraus. "Das ist wohl so", sagt Michael Reichelt und lächelt fast ein bisschen verschämt. "Provinzprominenz", stichelt seine Frau und lacht. Den Seitenhieb kann sich Manuela Reichelt nicht verkneifen. Schließlich war es ihr Mann, der mit seiner fixen Idee, eine Oldtimer-Bergbahn aus Österreich ins Mecklenburger Flachland zu holen, für Aufsehen sorgte - und dafür, dass ihn ein Fernsehteam bei dem Unterfangen filmte. Seither vergeht kein Tag, an dem die Reichelts nicht auf die Aktion angesprochen werden. Das nächste Projekt hat Michel Reichelt längst angeleiert. Ende Januar ist es soweit, verrät er einer Kundin. Dann rollen 20 alte Straßenwalzen auf dem Quetziner Bauernhof der Reichelts an. Der Landwirt hat die Schätzchen eines dänischen Sammlers im Internet entdecket - und zugeschlagen. "Haben die Männer was zum Spielen, haben wir Frauen wenigstens Ruhe", sagt Manuela Reichelt und lacht.

Langsam leert sich die Verkaufsauslage. Suppenhühner und Gänse sind längst weg. Der letzte Blutwurstzipfel teilt sich den Platz mit drei in Folie gewickelten Kaninchen. Zwischen Geschäft und Glühweinumtrunk bleibt Zeit für einen Plausch mit den Kunden. Neuigkeiten aus der Nachbarschaft werden diskutiert, Weihnachtswünsche ausgetauscht.

Allmählich legt sich der Abend über die Steinstraße. Noch immer schallt Weihnachtsmusik von der Bühne die Häuserschlucht hinunter. In den Grills und Schalen flackern die letzten Feuer. Im Lichterglanz lassen die Plauer den Tag ausklingen. Noch ein Schluck Glühwein, dann geht’s nach Hause - bepackt mit Braten, Baum und Geschenken - und der Vorfreude auf das Fest der Liebe.

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