Lübz : Ein Ohrensessel voller Geschichten

Hannah Kirchmeier aus Neu Poserin präsentierte Geschichten des Schweizer Autors Martin Suter.
Hannah Kirchmeier aus Neu Poserin präsentierte Geschichten des Schweizer Autors Martin Suter.

Hannah Kirchmeier aus Neuposerin las bei viertem Karierten Sessel im Lübzer Mehrgenerationenhaus Martin Suter

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28. März 2018, 12:00 Uhr

Doch, es hat Spaß gemacht! Locker lässt sich die niedrige Schwelle vor dieser Veranstaltungsreihe überwinden. Keine professionelle Performance, kein fester Eintrittszins. Die Rede ist vom so genannten Karierten Sessel. Einmal im Monat wird für den Vorleser des Abends ein mächtiger Ohrensessel aus der Bibliothek des Mehrgenerationenhauses ins Veranstaltungszimmer geschleppt. Für die Gäste werden Tische und Stühle in behaglicher Caféformation aufgebaut. Am Ende kann über den vorgestellten Roman, die Erzählung, in der Runde geredet werden – kann, muss aber nicht.

Jetzt nahm Hannah Kirchmeier aus Neuposerin als Vorleserin im Sessel Platz. Die meisten der vorgestellten Geschichten des Schweizer Autors Martin Suter erschienen zunächst als Zeitungskolumnen. Später veröffentlichte sie der Diogenes-Verlag unter dem Buchtitel „Business Class”. Suter ist Bestsellerautor. Vor Jahren schon der Werbebranche entflohen, profilierte er sich zunächst mit kurzen Satiren aus dem Inneren der Geschäftswelt, fing schreibend die teils absurden Strategien derer ein, die bedingungslos auf Karriere gebürstet sind.

In der Welt der Werbung spielte die erste Geschichte. Thema: die geziert-dümmliche Anwendung der englischen Sprache. Denn selbst das dritte „Relaunch” des Produktes „Both” lässt das Duschgel immer noch „nach Dorffriseur” stinken.

Auch den Einbruch des Irrationalen in die Welt der Economy hat Suter hellhörig registriert. Denn warum wird der Vorschlag eines bestimmten Vorgehens bei dem einen Mitarbeiter abgelehnt, beim anderen wenig später aber angenommen? Kurz: Suter formuliert aus, was wir alle über „Business” und „New economy” bereits denken, aber leider noch nicht veröffentlichen konnten.

Hannah Kirchmeier, die die Auswahl des Buches auch auf Grund seines Unterhaltungswertes getroffen hatte, führte kurz in Autor und Werk ein. Die Texte las sie temperamentvoll und immer den besonderen Ton suchend, der die Satiren mit ihren vielen Dialogen plausibel machte. So ließ sich vergnügt zuhören und verstehen. Denn was sind das für Milieus, in denen fortwährend über das „Timing für Loyalitätsverlagerungen“ nachgedacht wird?

Aber zurück zur Geschichte des Sessels selbst. Das Format ist nicht neu. Mal ist es der rote, mal der blaue Sessel. Der Bezugstoff wechselt, der Erfolg ist oft stabil. Carina Hedtke aus Lübz, Initiatorin der Veranstaltung im Mehrgenerationenhaus, hat das Format in Bremen kennen gelernt. Dort sei der „Sessel“ 15 Jahre lang gelaufen, erzählt sie. Es muss also an der eigentlich so einfachen Erfindung etwas dran sein.

Wer in Lübz dabei war, hat es hoffentlich gespürt. Die imaginäre Grenze zwischen Publikum und Vorführenden ist wie aufgehoben, denn im Sessel könnte jeder aus der Region sitzen und aus einem seiner Lieblingsbücher vorlesen. Und das schuf eine besondere Nähe. Carina Hedtke: „Es soll jeder drankommen und die unendliche Reihe von Geschichten fortsetzen.“

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