Kulturkritik : Ein Kulturhauskind kehrt zurück

Vortragen und Erinnern: Das Duo Orlet/Dietrich vor historischem Glasfenster Fotos: monika maria degner
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Vortragen und Erinnern: Das Duo Orlet/Dietrich vor historischem Glasfenster Fotos: monika maria degner

Carmen Orlet und Hugo Dietrich gaben ein Konzert im Mestliner Kulturhaus

svz.de von
02. August 2016, 12:00 Uhr

Immer wieder verließ sie die Bühne, ging ins Publikum, umarmte, verteilte Amulette. Es waren sehr persönliche und sehr emotionale, gleichwohl geplante Zwischenspiele, denn zu Carmen Orlets und Hugo Dietrichs Konzert im Mestliner Kulturhaus hatten sich zahlreiche Verwandte, Bekannte, Freunde der Sängerin, die an der Warnow geboren wurde, eingefunden. Und Carmen Orlet feierte ein Konzert des Wiedersehens, das nun nicht nur, wie angekündigt, „die Rückkehr eines Kulturhauskindes“ war, sondern ein Wiedersehen im engsten Zirkel – und ein Wiedererinnern an die Kindheit. „Kreise haben sich hier geschlossen“, sagte sie nach dem Konzert. Kreise allerdings, die jene Zuhörenden ein wenig außen vor ließen, die nicht zum „inner circle“ gehörten.

Die Lieder, die vorgetragen wurden, aber waren zweifellos für alle gemacht. Und das Duo Orlet/Dietrich hat allein mit ihrer Auswahl eine konsequente und eindringliche Spur gelegt, die sich jedem aufmerksamen Konzertbesucher erschließen musste. Sie lässt sich andeuten mit den Zeilen des Liedermachers Stefan Elßner: „Entschuldigt bitte, dass ich da bin. Ich bin ein Mensch...“ Und es ließe sich hinzufügen: ein Mensch in seinen Widersprüchen und in seiner Tragik. Fast alle Texte leuchteten das Menschliche in seiner schillernden Vielschichtigkeit zwischen Befangenheit und Befreiungsgeste, Leichtigkeit und Schwere, Ideal und fast dämonischer Abgründigkeit aus. Genial der Umschlag bis zur sich steigernden Hasstirade im „Liebeslied“ der Essener Kleinkunstpreisträger Christiane Weber und Timm Beckmann: „Ich habe Brieftauben auf dem Dach“. Jedem überkorrekten Menschenfreund ließe sich Gerhard Gundermanns: „Mein Herz hat grade heute Ruhetag“ ins Stammbuch schreiben. Überhaupt waren sehr viele und sehr gute Texte der in DDR-Zeiten wirkenden Liedermacher Gerhard Gundermann, Stefan Elßner und Kurt Demmler im Repertoire des Duos. Alle Texte, auch die neueren, von Tobias Burger zum Beispiel, zeugten von einer intelligenten Ehrlichkeit und – wie Hugo Dietrich betonte – von Poesie, waren wort- und formmächtig. „Deshalb gehen wir arbeiten“, verriet Carmen Orlet nach dem Konzert, damit sie – und Lebensgefährte Dietrich – Lieder interpretieren können, die das sogenannte „Massenpublikum“ scheinbar nicht annimmt. Das Publikum im kleinen Saal allerdings überzeugten die komplexen Texte und ihre differenzierte Interpretation durch Orlet/Dietrich vollends. Meistens leise und fili-gran, in den gesteigerten Partien auch entsprechend expressiv, begleitete der erfahrene Musiker seine Partnerin auf der akustischen Gitarre. Es waren die inhaltlichen Kontraste, überraschenden Umschläge in den Texten, die den Vortrag oftmals von Leise in Laut, von Nachdenklich in Aggressiv umschlagen ließen. Mit ihrer klaren, geübten Stimme meisterte Orlet gerade diese Partien mit dem erforderlich größeren Stimmvolumen und baute eine mitreißende Spannung auf.

Großer Applaus nach jedem Titel, am Ende Standing Ovations. Hoffentlich findet die Sängerin, die in Woltersdorf als Musiktherapeutin arbeitet, noch häufiger den Weg in diese Region. Es wäre wünschenswert.

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