Weihnachtsgeschichte : Ein einsamer Wolf...

Ein einsamer Wolf
Ein einsamer Wolf

Eine besondere Weihnachtsgeschichte über die Tiere im Wald – geschrieben von Karin Mußfeldt

svz.de von
25. Dezember 2013, 14:00 Uhr

Mühsam schleppte sich der alte graue Wolf durch den tiefen Schnee, der auf dem Felde lag. Sein Magen knurrte, lange hatte er nichts gegessen. Stunde um Stunde war er schon unterwegs. Was sollte das wohl nur werden, nirgends etwas Essbares in Sicht. Die Pfoten taten ihm weh, der verharschte Schnee war schwer zu bezwingen. So langsam dunkelte es.

Er stapfte weiter. Wenn’s nicht bald was zu essen gäbe, das wusste er, würde er wohl an Hunger sterben. Wind kam auf, Wind, der die Kälte noch mehr in die Knochen schickte. Schritt um Schritt fiel ihm schwer, immer schwerer. Ein Wald war in Sicht. „Vielleicht finde ich hier Schutz“, dachte wohl der alte graue Wolf, „vielleicht auch was zu essen.“ Mühsam erreichte er den Waldrand. Auch der Weg durch den Wald war verschneit, aber die Tannen, tief mit Schnee bedeckt, schützten vor Wind, es wurde ruhig. Man hörte nur das Knurren seines Magens.

„Ob ich wohl etwas finde…?“ Das Gehen durch den tiefen Schnee fiel ihm, dem grauen Wolf, immer schwerer. Still war’s im Wald, kein Rascheln, rein gar nichts. Der Wolf suchte nach Spuren… Nichts. Doch plötzlich sah er ein Licht. Was mag das sein? Das Gehen fiel im immer schwerer, aber das Licht gab ihm Kraft. „Ich muss es schaffen“, dachte der graue Wolf, vielleicht bedeutet es etwas, manchmal gibt es was zu essen.

Weiter, immer nur weiter – so schleppte er sich durch den Winterwald, seine Kraft wollte ihn bald verlassen. Das Licht aber zeigte ihm den Weg. Plötzlich sah er einen alten großen Tannenbaum. In seinem Wipfel leuchtete eine rote Kugel aus Glas und unter dem Baum saßen Hasen, Rehe und Schwarzkittel. In ihrer Mitte war eine riesengroße Schale, gefüllt mit allem, was das Herz der Tiere mit Freude erfüllt. „Was für ein Abend“, dachte der Wolf, als er die Tiere reden hörte. Was ist das für ein Zauber?

„Komm, setz dich zu uns und stärke dich“, sagten die Gesellen. „Uns soll’s heute gut ergehen. Es ist die besondere Nacht. Die Menschenkinder haben für uns den Baum geschmückt und für ein köstliches Mal gesorgt, für uns alle, komm, greif zu, du siehst so schwach aus.“

Keiner hatte Angst an diesem Abend, alle Tiere waren friedlich und knabberten hier und da, erzählten von ihren Erlebnissen. Der alte graue Wolf stärkte sich voller Dankbarkeit und erzählte von seinen Abenteuern. So einen wundersamen Abend hatte er noch nie erlebt. Nah waren sie alle beieinander, sehr nah, wärmten sich. Es tat gut.

Bis nach Mitternacht blieben sie alle unter dem Baum zusammen. Noch immer zeigte das Licht zu diesem Baum. Dann aber wurde es sehr still, das Licht erlosch, die Tiere legten sich aneinander, um in dieser Nacht nicht zu erfrieren, ganz nah, schliefen friedlich in den neuen Tag.

Nach der Morgendämmerung gingen sie auseinander, jeder seinen Weg. Der alte graue Wolf sah zum Himmel, als ob er dem Licht in der Nacht danken wollte, danken für die Wärme, das Essen und die Freundschaft – in dieser besondern Nacht. Dann zog er weiter…


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