Therapiehund im Lübzer Seniorenpflegeheim : Durch Polly wieder näher am Leben

Auch Eva-Maria Laudahn ist von Polly begeistert, links Ergotherapeutin Sybille Wentzel. ilja baatz
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Auch Eva-Maria Laudahn ist von Polly begeistert, links Ergotherapeutin Sybille Wentzel. ilja baatz

Polly wird als Therapiehund im Lübzer Seniorenpflegeheim „Haus am Freistrom“ eingesetzt. Durch die Hündin funktioniert die Kommunikation besser. Sie ist der Liebling vieler Bewohner.

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18. September 2012, 09:52 Uhr

lübz | Ob knurren, hochspringen oder sogar beißen - für Polly alles undenkbar. Die neunjährige Hündin, in der auf jeden Fall auch ein Golden Retriever (großer ungarischer Hütehund mit hellem Fell) steckt, läuft nicht einmal, wenn es seine Besitzerin Sybille Wentzel nicht möchte und ihr kein Freizeichen gibt - alles ohne körperliche Gewalt oder laute Schreie.

Die Ergotherapeutin arbeitet im Lübzer Seniorenpflegeheim "Haus am Freistrom", wobei das Tier sie unterstützt. Bis dahin war es ein langer Weg. Vor sechs Jahren stellte sich Sybille Wentzel mit Polly beim "Wismarer Therapiehunde e.V." vor, um sie als tägliche Begleiterin bei der Arbeit mit Demenzkranken und anderen alten Menschen ausbilden zu lassen. Am Anfang steht hier eine Aufnahmeprüfung, bei der sich entscheidet, ob das Tier von seinem Charakter her überhaupt als "Therapiebegleithund" - so die offizielle Bezeichnung - geeignet ist. "Schon wenn er sich etwa nur zum Knurren verleiten lässt, wie man es bei dem gegebenen Reiz fast für normal halten würde, kann man gleich wieder gehen", sagt Sybille Wentzel. "Da ich von Pollys gutem Charakter wusste, hatte ich mich schon länger für die Ausbildung interessiert. Bekannt war mir, dass das Tier erst ein bestimmtes Alter erreicht haben muss, um seine Entwicklung und Neigungen besser einschätzen zu können. Für meinen Bereich ist es besser, Ruhe zu verbreiten, für Kinder hingegen ist Lebhaftigkeit oft mehr von Vorteil."

Nach bestandener Aufnahmeprüfung folgt eine zweiwöchige Intensivausbildung, deren Inhalte in der Folgezeit jeden Tag weiter verinnerlicht werden. Das gelinge unter anderem auch deshalb, weil Polly im Alltag überall dabei, an reges Leben gewohnt sei und ihr Leben nicht im Zwinger verbringe. Hinzu kommen regelmäßige Besuche in der Güstrower Hundeschule. Die Disziplin reicht so weit, dass die Hündin zum Beispiel nur auf eine bestimmte Decke springt.

Durch Besuche im ganzen Haus ist sie mittlerweile der Liebling vieler Heimbewohner. Außerdem trifft sich an jedem Donnerstagmorgen eine Runde mit durchschnittlich sechs Teilnehmern auf Station IIIb, dem Wohnbereich der in unterschiedlichem Maß an Demenz Erkrankten. Zu ihnen gehört Eva-Maria Laudahn, die Polly an diesem Tag mit beiden Händen noch mehr als die anderen immer wieder begeistert über ihr Fell streicht. "Die meistens nicht mehr einfache Kommunikation untereinander funktioniert hier über den Hund, der sich auf die immer unterschiedliche Tagesform seines Gegenübers einstellt und die auch bei ihm selbst stets anders ist", sagt die Therapeutin. "Ein Besuch ist deshalb nie gleich." Die Berührung des Tieres bedeute, das in jedem Menschen vorhandene Zuwendungsbedürfnis zu erfüllen und Sinne zu fördern. Durch das weiche Fell, Körperwärme, sanfte Bewegungen und Augenkontakt sei das vorhandene Potential in dieser Hinsicht groß: "Viele der Bewohner kommen aus dem ländlichen Raum und hatten früher mit Tieren zu tun. Es würde nichts bringen, wenn der Hund nur herumliegt. Man muss ihn anfassen können." Motivation sei zudem, ihm etwas Gutes zu tun. Dies geschieht zum Beispiel durch das Verstecken eines kleinen Futterstückchens unter einem von sechs Holzstäben. Jeder muss den aussuchen, der mit der von ihm gerade gewürfelten Zahl gekennzeichnet ist. Beim Schnüffeln und Suchen kommt Freude auf, die Aktivität des Tieres gibt Leben. Vorher wird allerdings genau untersucht, wer mit ihm in Kontakt kommt. "Beim Einzug in unser Haus wird ein so genannter Biografiebogen angelegt, in dem unter anderem Ängste und Traumen jedes Bewohners verzeichnet sind", erklärt Pflegedienstleiterin Kerstin Madauß. "Wenn ich jemanden, der zum Beispiel früher einmal gebissen wurde, mit einem Hund zusammenbringe - egal, wie lieb er ist - kann ich viel falsch machen."

Die Erlaubnis, als Therapiehund eingesetzt werden zu dürfen, gilt nicht für sein gesamtes Leben, sondern immer jeweils nur für zwei Jahre. Im Oktober muss Polly zur Nachprüfung. Dabei ist es nicht damit getan, dass Sybille Wentzel ein Gesundheitszeugnis vorlegt: "Getestet wird unter anderem, ob eine Wesensveränderung vorliegt, wie sich das Tier in Ex-tremsituationen verhält. Selbst wenn jemand den Hund verprügeln wollte, müsste er ausweichen. Bei dem Test kommen zum Beispiel fünf Mann auf ihn zu, bedrängen ihn, springen plötzlich auf, um zu erschrecken - alles in geballter Form. Falsch reagieren darf er dann nicht. Beim letzten Mal ging alles gut."

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