Staffelstabübergabe : Dr. Wallstabe übergibt Ruder an seinen Sohn

Dr. Gerd Wallstabe mit seinem Sohn Steffen, der die Praxis übernimmt.
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Dr. Gerd Wallstabe mit seinem Sohn Steffen, der die Praxis übernimmt.

Nach seiner Rückkehr aus Hamburg führt Dr. Steffen Wallstabe Praxis des weit über die Grenzen von Lübz hinaus bekannten wie beliebten Chirurgen weiter. Vater bleibt „freier Mitarbeiter“.

svz.de von
31. Dezember 2013, 09:00 Uhr

Bei Dr. Wallstabe ist es schwierig, ihn mit einem Wort zu kennzeichnen. Institution vielleicht? Ja, schon, aber zu ernst für den Mann, den man bei diesem, ihm eventuell zu Ohren gekommenen Begriff in Gedanken sofort etwas wie „Wat soll denn der Quatsch?“ oder ähnliches sagen hört.

Spitznamen als andere Möglichkeit sind objektiv betrachtet keine schmeichelhafte Erfindung. Aber dennoch: Wenn jemand von „Walli“ spricht und viele sofort positiv reagieren, ist man in Lübz, denn jeder, der nur ein bisschen länger  hier wohnt, weiß, wer damit gemeint ist: Dr. Gerd Wallstabe. Der Chirurg und Manualtherapeut, der nach außen so gut wie nie seine gute Laune zu verlieren scheint und jeden Patienten mit unverkennbarem Lächeln, einem netten Wort und Handschlag begrüßt, so gleich zu Beginn die Atmosphäre lockert. Wesenszüge, die ihn über seine  Tätigkeit – der eigentliche Grund für den Kontakt zu so vielen Menschen – hinaus  auch beliebt gemacht haben.

Jetzt, nach 35 Berufsjahren, hält er seinen Rentenbescheid in der Hand und übergibt die Praxis am Freitag an seinen Sohn Dr. Steffen Wallstabe. Der heute 36-Jährige, Chirurg, Unfallchirurg und Orthopäde, hat in Hamburg jeweils fünf Jahre lang erst Allgemein-, dann Zahnmedizin und abschließend Chirurgie studiert und parallel an verschiedenen Kliniken in der Großstadt sowie an der Asklepios-Klinik in Parchim  gearbeitet. „Letztlich war er Oberarzt im Unfallkrankenhaus Bergedorf in fester Anstellung und hätte mit dieser Qualifikation sicherlich überall eine Anstellung gefunden. Der Entschluss zur Niederlassung reifte mit der familiären Perspektive, die Praxis in Lübz zu übernehmen“, sagt der erfahrene Arzt. Die Zukunft in dieser Stadt schätzt  der junge Mann so ein: „Mein höchstes Ziel ist, diese gut gehende und ebenso ausgestattete Praxis mit einem hervorragend eingespielten Team nicht gegen die Wand zu fahren.“

Dr. Gerd Wallstabe, 1951 in Krevese (heute Ortsteil von Osterburg in der Altmark) geboren, studierte von 1972 bis 1978 an der Medizinischen Akademie in Magdeburg, wo er 1982 auch promovierte. Der Mediziner arbeitete unter anderem im einstigen Lübzer Krankenhaus und war hier letztlich von 1986 bis 1990 Leiter der Chirurgischen Ambulanz in der Poliklinik. Dann machte er sich selbstständig und begann am 21. Dezember 1990 in dem heute bekannten Haus am Markt – einst Heimat der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft – nach dessen umfassender Sanierung zu praktizieren. Sehr zügig nach der Wiedervereinigung, oder nicht? „Wer involviert war, wusste, dass das Lübzer Krankenhaus auf Dauer keine Existenzchance hatte, weil schon damals abzusehen war, dass sich Plau am See als Gesundheitszentrum durchsetzen wird“, meint der Arzt dazu. „Solch einen Schritt muss man sich jedoch gut überlegen, sich dafür in seinem Fachgebiet ohne Abstriche  wohlfühlen.“ Um in der Niederlassung zu bestehen, sei eine gewisse Routine zwingend notwendig. Sicherheit erarbeite man sich vorher, wenn zwei oder sogar drei Ärzte gemeinsam am OP-Tisch stehen, dadurch vier oder sechs Augen zuschauen. In der eigenen Praxis sind es dann nur noch zwei. Wer verantwortungsbewusst sei, werde immer versuchen, „ohne Staatsanwalt auszukommen“, das Beste für den Patienten zu geben. Leider sähen sich jedoch insbesondere Krankenkassen zunehmend dazu verpflichtet, nach Fehlern zu suchen, um Kosten nicht übernehmen zu müssen – um Geld zu sparen.

Diese Entwicklung sieht Dr. Wallstabe ähnlich kritisch wie die Praxis, jede Leistung des Arztes – wirklich jede – mit Punkten zu bewerten. Für einen neuen Patienten etwa ist eine Pauschale festgelegt. Abrechnen kann der Mediziner jedoch nur einen ihm vorgegebenen Wert, den er (quartalsweise betrachtet) in der Regel schon nach zwei Monaten erreicht hat. Die restlichen vier Wochen sind effektiv betrachtet also gemeinnütziger Dienst. „Aber solange ich etwas mit ambulanter Chirurgie zu tun habe, werde ich zu keinem Notfall sagen ,Die Bude ist voll, ich nehme niemanden mehr an’ oder  äußern ,Das passt mir heute überhaupt nicht, dass Du Dir  tief in den Finger geschnitten hast’.  Wenn Hilfe nötig ist, wird sie geleistet – ohne Diskussion“, sagt Dr. Wallstabe.

Sein Wartezimmer ist immer voll, rund 1800 Patienten pro Quartal suchen bei ihm Hilfe. Jeden Morgen um kurz nach 7 Uhr geht es los, nach der Besprechung zunächst bis 13 Uhr, nach der Mittagspause weiter von 15 bis 18 Uhr. Mittwochs ist OP-Tag, jeder vierte Dienstag zusätzlich mit Vollnarkose. Neun nach außen hin zu sehende Stunden, doch der eigentliche Arbeitstag dauert noch einige länger. Wie lautet die Einschätzung  der eigenen Leistung? „Das Pensum ist  in der Regel enorm, manchmal an der Grenze, aber die Freude darüber, mit dem eigenen Können vielen zu helfen, überwiegt.“

Seit rund eineinhalb Jahren steht die Übergabe fest, die nach Meinung der Betroffenen nicht idealer hätte verlaufen können.  „Das geht auf keine Kuhhaut! Jedes Angebot muss zum Beispiel neu bestätigt werden“, sagt der Arzt gleichzeitig über die dafür zu bewältigenden Papierberge mit dem ihm eigenen Humor. Und der Sohn ergänzt: „Einiges erkenne ich als sinnvoll an, aber trotzdem – insgesamt der totale Wahnsinn. Hätte ich meinen Vater nicht an meiner Seite gehabt, wäre ich verloren gewesen.“

Dr. Gerd Wallstabe spielt Posaune im Elde Blasorchester Parchim-Lübz, ist außerdem dem LSV verbunden und will in der neu gewonnenen Freizeit versuchen, zum Beispiel wieder mehr zu schwimmen und vielleicht Volleyball zu spielen. Komplett abgerissen ist die Verbindung zu dreieinhalb Jahrzehnten Dasein als Arzt deshalb nicht. Wann immer er möchte, kann der Praxis-Gründer weiter mitarbeiten – mit dem Unterschied, dass er den Umfang künftig bestimmt. Sein Sohn sagt es so: „Der Kessel läuft seit zig Jahren auf 120. Ich habe Angst davor, dass er explodiert, wenn man ihn plötzlich komplett ausstellt.“

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