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Zeitung für Lübz, Goldberg, Plau

19. November 2017 | 10:00 Uhr

Abschied : Die letzte Fahrt der Südbahn

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Zwischen Hoffnung und Erregung. Die Hanseatische Eisenbahngesellschaft, kurz HANS, löst die Odeg ab.

13. 20 Uhr. Als der Zug der Linie R3, aus Parchim kommend, in Lübz hält, steigen vier Personen aus, zwei ein und vierzehn Erwachsene, zwei Kinder und ein Kinderwagen fahren weiter. Die meisten Fahrgäste wissen sehr genau, dass diese Fahrt eine der letzten mit der Odeg auf dieser Strecke sein wird, aber sie alle hoffen, dass eine private Eisenbahngesellschaft weiter auf der Strecke fahren wird. Katharina (20) ist von der Übernahme durch die Hanseatische Eisenbahn (HANS) fest überzeugt. Die junge Frau aus einem kleinen Dorf bei Hagenow besucht eine berufliche Schule zur Integration schulpflichtiger Jugendlicher in Malchow und hat dort am Bahnhof bereits den Fahrplan der „Hanseatischen“ gesichtet. Aber noch ist dieser Zug auch ein Zug nach Nirgendwo. Die private Bahn wird zunächst nur „auf eigene Rechnung“ fahren – eine endgültige Entscheidung steht aus. Als der Zug sich Passow nähert, entdeckt jemand am Fahrplanaushang eine rote Rose mit schwarzem Band. „Da, der Trauerflor“, sagt er.

Passows Bahnhofsgebäude sieht so aus, als stünde es da, um noch mehr Niedergang nach sich zu ziehen: Bröckelnden Mauern folgt Strecken-Aus. An der Mauer hält sich trotzig ein Plakat. Bürger haben eine Lok darauf gemalt: „Das hält uns in Schwung“ steht da. Die Fahrgäste, die jetzt im Zug nach Malchow sitzen, gehören weder einer Initiative zum Erhalt der Bahn an, noch haben sie sich zu der Fahrt verabredet. Reisegepäck, ein Blumenstrauß, Fahrräder, Rucksäcke signalisieren die verschiedensten Motive für die Fahrt. Aber kaum kommt die Sprache auf das Ende der Südbahn bildet sich spontan ein kleiner Interessenverband mit einem Ziel – pro Schiene.

Techniker Olaf Hussels (53) findet es inakzeptabel: 52 Minuten länger würde er mit Bussen von Parchim nach Malchow unterwegs sein. Ralf Heller (31) fährt alle 14 Tage zu seiner Freundin nach Waren. Beim Umsteigen auf der Busstrecke in Plau am See müsse er künftig 40 Minuten warten. Wie sollen Ältere und Kinder das überstehen? „Kein Vergleich zur Südbahn“, urteilt er. „Mit dem Bus, das haben wir gehabt“, sagt eine Dame, die in Gallin aussteigt. „Das funktioniert doch nicht mit Kinderwagen.“ Und Marga Meyer (76) aus Oranienburg kann es nicht fassen: „Es war doch immer die Rede von umweltfreundlichen Verkehrsmitteln – und dann werden Busse eingesetzt?“

Sina Erdmann (23), Studentin aus Hamburg, nutzt die Südbahn, um zu ihrem Job am Fleesensee zu kommen. Sie finanziert ihr Studium als Animateurin im Robinson-Club und „würde voll trauern“, wenn sie nicht mehr fahren könnte. Auch mal zum Konzert nach Hamburg zu kommen, das wäre ihr „total wichtig“. Marcel und Johannes, 18 und 19 Jahre alt, müssen zur Berufsschule nach Parchim. Da zukünftig noch weitere Berufsschulen geschlossen werden sollen, stellt sich die Frage, warum dann auch noch Zugverbindungen kappen?

Der Himmel über der Südbahn trägt Grau. Ein Reisender schläft, ein anderer sagt: „ Erst der Bau der Eisenbahn habe den amerikanischen Siedlern das Gefühl gegeben, in der Zivilisation angekommen zu sein“. Ein älterer Fahrgast erzählt bitter, die Fahrt sei sein Abschied von dieser Bahn: „Die Schwachen fallen hinten runter, so ist das überall auf der Welt.“ Am Bahnhof von Karow trotzt ein weiteres Plakat: „Südbahn muss bleiben und Plau an die Bahn“.

15. 20 Uhr. Der nächste Zug aus Parchim entlässt in Lübz 15 Fahrgäste, 11 Personen, darunter eine Frau im Rollstuhl, fahren weiter nach Malchow.  













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