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Zeitung für Lübz, Goldberg, Plau

20. November 2017 | 03:30 Uhr

Geschichte : Die Kunst des alten Handwerks

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für Lübz – Goldberg – Plau

Spinnen spielte schon immer eine wichtige Rolle im Leben der Landbevölkerung / Teil 2 unserer Serie stellt diese Tradition näher vor

Immer wieder bewegt sich der Fuß von Gabi Buchholz gleichmäßig auf dem Trittbrett. Hoch und runter, hoch und runter. Dabei entsteht ein eintöniges klacken. Das Schwungrad dreht sich dazu, ganz gleichmäßig und führt den Faden aus ihren Händen auf eine Spindel. „Spinnen ist für mich die reinste Entspannung“, erzählt Gabi Buchholz. „Hier kann ich meine Gedanken einfach laufen lassen.“

Zu diesem etwas ungewöhnlichen Hobby kam Gabi Buchholz vor einigen Jahren. „Jeder von uns stellt sich irgendwann mal die Frage, was möchte ich unbedingt noch machen in meinem Leben“, erinnert sich die 50-Jährige. „Ich habe mir vorgenommen, einmal Strümpfe aus meiner eigenen Wolle zu stricken. Und dazu musste ich spinnen lernen“, fügt sie lächelnd hinzu. Gesagt, getan. „Ich habe mich zu einem Spinn-Kurs angemeldet und das alte Handwerk in zwei Tagen auf Fehmarn gelernt.“ Gleich darauf wurde das eigene Spinnrad angeschafft und jede Menge Schafwolle. Doch diese alte Tradition, Wollfäden herzustellen, erfordert viel Übung. „Der Faden sieht bei mir immer noch ganz unterschiedlich aus, mal dick, mal dünn“, erklärt die Benzinerin. Einen schönen, regelmäßigen Faden erhält man erst, wenn das Verhältnis zwischen Treten, Geschwindigkeit und Menge der eingeführten Wolle und die Einstellung der Bremse aufeinander abgestimmt sind. „Dazu mache ich es viel zu selten“, weiß Buchholz. „Für mich ist Spinnen eine Abendbeschäftigung im Winter“, so die 50-Jährige.

Die alte Handwerkstechnik ist heute ein Hobby, das zwar viel Zeit kostet, aber doch eher der Entspannung dient. „Und ich kaufe meist schon vorbehandelte Wolle, die gleich gesponnen werden kann.“ Unbehandelte Wolle muss vor dem Spinnen noch aufwendig gekämmt und gewaschen werden. Vor einigen Jahren war das Spinnen eine der wichtigsten Aufgaben der Frauen auf dem Land und diente der Eigenversorgung und der zusätzlichen Einkommensbeschaffung. „Ich habe mit vielen älteren Frauen hier aus der Gegend geredet, die dieses Handwerk noch perfekt beherrschen“, so die Benzinerin. „Einige erzählten zudem, dass sie noch ihre Leinentücher aus den dünnen Fäden selbst gewebt hätten.“

Die alte Handwerkskunst findet sich auch in der Mythologie und in vielen Märchen wieder. „Und man kennt zum Beispiel auch das alte Sprichwort: Spinnen am Morgen bringt Kummer und Sorgen“, erzählt Buchholz. Dies habe jedoch nichts mit den kleinen achtbeinigen Krabbeltierchen zu tun, sondern weise darauf hin, dass Frauen, die bereits am Morgen vor der Arbeit spinnen mussten, sehr arm waren und von Kummer und Sorgen, also häufig von Existenzängsten geplagt waren.

Für Gabi Buchholz ist das Spinnen heute einfach eine wunderbare Erholung. „Und es ist interessant herauszufinden, wie viel Arbeit in bestimmten Dingen wirklich steckt.“ Wolle hat sie bereits reichlich gesponnen. Und auch Strümpfe strickt sie noch immer aus der ganzen Schafswolle. „Dieses Ziel habe ich schon mal geschafft“, freut sich die Benzinerin. „Irgendwann will ich mir noch einen weiteren Wunsch erfüllen. Ich will meinen eigenen Käse herstellen.“

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