Stadtgeschichte : Die große Stadt neben der kleinen

Gerhard Schmidt beschäftigt sich seit mehreren Jahren mit der Geschichte des ehemaligen Kriegsgefangenenlagers.
Gerhard Schmidt beschäftigt sich seit mehreren Jahren mit der Geschichte des ehemaligen Kriegsgefangenenlagers.

Gerhard Schmidt beschäftigt sich mit der Geschichte des ehemaligen Gefangenenlagers vor den Toren Parchims.

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28. Dezember 2013, 08:00 Uhr

2014 liegt der Bau des ehemaligen Kriegsgefangenenlagers an der Dammer Chaussee vor den Toren Parchims, seinerzeit eines der größten Gefangenenlager in Deutschland,  genau 100 Jahre zurück. Insgesamt etwa 54 000 Gefangene u. a. aus Belgien, England, Frankreich und Rußland sollen hier während des Ersten Weltkrieges untergebracht und auf verschiedene Arbeitslager im ganzen norddeutschen Raum aufgeteilt worden sein. Etwa sechs Mal so viele Menschen, wie Parchim zu damaliger Zeit Einwohner hatte, müssen dort gelebt haben, vermutet Gerhard Schmidt aus Parchim. Zur Infrastruktur im Lager gehörten 200 große und ca. 300 kleinere Holzbaracken als Unterkünfte, Küchen, Post, Werkstätten, Latrinen, Duschbaracken, Gebetsstätten für fast alle Glaubensrichtungen und zwei Lazarettbereiche. Das Lager verfügte  über eine elektrische Beleuchtung, die Stadt Parchim selbst ging erst Jahre später 1922 ans Netz.

Die Geschichte der großen Stadt neben der kleinen Stadt lässt Gerhard Schmidt schon seit längerem nicht mehr los. Aus dem persönlichen Motiv heraus, „dass unser Wissen über dieses Kapitel Parchimer Geschichte nicht verloren geht und nicht in Vergessenheit gerät“, hat Gerhard Schmidt in diesem Jahr ein kleines Buch veröffentlicht, das Aufschluss über das Leben im Gefangenenlager geben soll. Die Fortsetzung ist so gut wie fertig gestellt,  ein dritter Teil in Planung. Das Thema beschäftigt ihn, seit der passionierte Sammler von Parchim-Postkarten eines Tages im weltweiten Netz eine Ansichtskarte vom Gefangenenlager entdeckte. Später ersteigerte er eine Fotoserie von der Einweihung des Denkmals  auf dem Gefangenenfriedhof im Jahr 1916. Dieses Denkmal zum Andenken an die verstorbenen Kameraden wurde auf Initiative der französischen Gefangenen  mit Geldspenden der Lagerinsassen errichtet und befindet sich bis heute in einem sehr guten Pflegezustand. Auf der Rückseite  der Ansichtskarten dieser Serie stehen die Namen der Personen, die damals bei der Einweihung des Denkmals anwesend gewesen sind. „Plötzlich hat man ein Zeitzeugnis, ein ‚lebendiges’ Beweisstück der Geschichte in der Hand und ich stellte mir immer mehr Fragen, die ich mir beantworten wollte“,  schildert Gerhard Schmidt.  Bei seinen Nachforschungen war ihm das Internet die größte Hilfe, wo er mehrere Foren ausfindig machte, in denen Enkel und Urenkel, die sich für die Geschichte ihrer Vorfahren im Ersten Weltkrieg interessieren, untereinander austauschen. Mit zwei Nachfahren steht Gerhard Schmidt  im persönlichen Briefkontakt. Der Urgroßonkel des einen war Gefangener im Lager, der  Urgroßvater des anderen hier als Wachsoldat tätig. Von einem französischen Soldaten kann Gerhard Schmidt  inzwischen an Hand von Ansichtskarten den Lebensweg von dem Moment an nachzeichnen, als er 1914 eingezogen wurde, dann an der Front aus dem Schützengraben heraus in die Heimat schrieb,  gefangen genommen wurde und  ins Parchimer Lager kam. „So bekommt man einen ganz anderen Zugang zu einem Stück Weltgeschichte, die sich vor unserer Haustür abgespielt hat“, findet Gerhard Schmidt. Andere nun an seinen Recherchen teilhaben lassen möchte er unter folgendem Leitspruch: Was ich glaube, ist mein „Glaube“. Was ich weiß, ist mein „Wissen“. In diesem Buch „glaube“ ich zu „wissen“. Aber nicht alles ist „bewiesen“.  

Gerhard Schmidt selbst ist 29 Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkrieges am 1. Januar 1947 in Parchim geboren worden und am Voigtsdorfer Weg aufgewachsen. Von 1987 war er 25 Jahre als selbstständiger Malermeister in der Eldestadt tätig. Der Handwerksbetrieb wird heute in dritter Generation von seinem Sohn neu gegründet weiter geführt. Sein Beruf war vor fast zehn Jahren auch „Schuld“, dass er zum Ansichtskartensammler wurde: Seine erste Postkarte erwarb er damals, weil darauf ein ganz bestimmtes Haus  am Neuen Tor abgebildet war. Die Karte ist inzwischen 99 Jahre alt.  Kurz nach der Jahrtausendwende hatte Gerhard Schmidt die Fassade dieses Hauses  neu gestaltet und damit einen Wettbewerb gewonnen. Inzwischen ist seine Sammlung auf rund 1000 Postkarten mit Parchim-Motiven bis 1945 angewachsen. Das von ihm veröffentlichte Büchlein ist bei ihm privat, im Stadtmuseum und im Buchhaus Fette erhältlich.

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