Landtagsabgeordnete im Praktikum : „Die Entdeckung der Langsamkeit“

Maika Friemann-Jennert mit Heimbewohnerin Charlotte Jagst. Seit sieben Jahren nennt Charlotte Jagst das Haus am Sonnenberg in Parchim ihr Zuhause.
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Maika Friemann-Jennert mit Heimbewohnerin Charlotte Jagst. Seit sieben Jahren nennt Charlotte Jagst das Haus am Sonnenberg in Parchim ihr Zuhause.

So bezeichnet Landtagsabgeordnete Maika Friemann-Jennert ihr Tagebuch, das sie während ihres Praktikums im Pflegeheim führt

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18. Juli 2014, 22:00 Uhr

Die Musik ist bis nach draußen zu hören. Einige Bewohner des Seniorenpflegeheims „Haus Sonnenberg“ in Parchim schunkeln mit dem Takt der Musik mit. Einige lächeln. Die Musik bereitet ihnen Freude. Charlotte Jagst lächelt auch. Hübsch zurechtgemacht ist sie an diesem Vormittag, eine Perlenkette um den Hals und die Haare zu einem Dutt gesteckt, sitzt sie in ihrem Rollstuhl im Eingangsbereich des Seniorenpflegeheimes der Diakoniewerk Kloster Dobbertin gGmbH und lauscht der Musik. Zu ihren Füßen hockt – auf Augenhöhe – Maika Friemann-Jennert. Die CDU-Politikerin absolviert derzeit ein Praktikum in der diakonischen Einrichtung. Damit löst die Landtagsabgeordnete ein Versprechen ein. Dieses hat sie im März dieses Jahres Hans Hopkes, dem Geschäftsführer des Diakoniewerkes Kloster Dobbertin, bei einer Podiumsdiskussion zum Thema Pflege gegeben – organisiert wurde die Dialogrunde mit Politikern und Angehörigen des Pflegebereichs vom Diakoniewerk und der SVZ (wir berichteten).

Seit Montag dieser Woche steht Maika Friemann-Jennert Punkt 6.15 Uhr im Pflegeheim auf der Matte – Frühschicht. „Das ist neu für mich. Um 4.30 Uhr aufstehen, das kenne ich sonst nicht. Später wird es abends in meinem Beruf auf jeden Fall häufiger“, erzählt die Politikerin.

Eine Woche lang bekommt Maika Friemann-Jennert einen Einblick. Wenn auch nur einen kleinen. Dennoch nimmt sie die Eindrücke mit – mit in die politischen Debatten der Zukunft. „Es ist schon etwas anderes, darüber zu diskutieren, wenn man es selbst erlebt hat.“ Auf jede helfende Hand ist auch das Haus Sonnenberg in Parchim angewiesen. Der Papierkram wächst einem schnell über den Kopf, doch er muss erledigt werden. Vor allem in diesem Bereich wünschen sich die Pflegekräfte Entlastung. „Ich habe einen Einblick bekommen, was alles dokumentiert wird. Kein Mensch macht das so minutiös jeden Tag. Das ist unvorstellbar“, verdeutlicht Maika Friemann-Jennert ihren Eindruck.

Ohne Berührungsängste geht die Politikerin auf die Bewohner zu. Hilft, wo sie helfen kann. Ilka Hupe, Leiterin des Wohnbereichs 1 im Haus Sonnenberg ist sichtlich überrascht und hoch zufrieden mit ihrer Praktikantin. „Als ich gehört habe, dass eine Politikerin bei uns ein Praktikum machen will, war ich zunächst geschockt. Ich habe wirklich gefragt, ,Was will sie denn hier?‘ Doch jetzt muss ich wirklich sagen, dass ich positiv überrascht bin. Frau Friemann könnte diesen Beruf auf jeden Fall ausüben“, so Ilka Hupe. Ein Lächeln huscht Maika Friemann-Jennert übers Gesicht. Sie freut sich sichtlich. Eine leichte Aufgabe ist diese Arbeit nicht – körperlich wie auch psychisch. Doch Berührungsängste kannte sie nicht. „Zu meinem Erstaunen habe ich keine Probleme gehabt. Nur am ersten Tag mit dem Geruch, aber das war am zweiten Tag schon verschwunden“, berichtet Maika Friemann-Jennert. Der Wohnbereichsleiterin Ilka Hupe hat vor allem eines gefallen. „Frau Friemann hat sich um die Bewohner gekümmert. Sie hat sich zu ihnen gesetzt und sich mit ihnen unterhalten“, so Ilka Hupe. „Sogar auf Plattdeutsch“, erzählt Pflegedienstleiterin Carolin Potröck.

Die Praktikumswoche hat Maika Friemann-Jennert schriftlich festgehalten – als Tagebuch. Hier schreibt sie auch, dass sie sich in ihrem Tempo umstellen musste. „Während wir zügig die Bewohner/-innen ,frühstücksfertig‘ machen, entdecke ich die Langsamkeit, die sich in jeder Bewegung oder Aktion der ,Alten‘ manifestiert.“ Die „Entdeckung der Langsamkeit“ so nennt die Christdemokratin schließlich ihre Tagebuch-Einträge.

Die Frühschicht vergeht schnell. Maika Friemann-Jennert ist vor allem aufgefallen, wie viel Zeit für den Papierkram jeden Tag, in jeder Schicht, drauf geht. „Es fehlt nicht nur an Personal, durch die Dokumentationen geht auch Zeit für die Bewohner verloren“, erzählt sie. Ilka Hupe ist eines sehr wichtig und das verfolgt auch ihr gesamtes Team im Wohnbereich 1 des Hauses Sonnenberg: „Ich pflege die Bewohner so, wie ich später auch gepflegt werden möchte.“ Das die Pflegerinnen selbst auf Hilfe später angewiesen sind, kann durchaus sein. Die Prognose zeigt es: Bis 2060 soll es 2,5 Millionen Demenzkranke geben – aber kein Pflegepersonal. Die Politik ist jetzt gefragt. Maika Friemann-Jennert hat einen Anfang gemacht, ihre Eindrücke wird sie in die Enquetekommission mitnehmen, die sich mit dem Thema Pflege beschäftigen wird. Doch eines ist auch Ilka Hupe sehr wichtig: „Frau Friemann hat es bewiesen. Es geht. Wir würden uns über jeden Ehrenamtlichen hier freuen, der sich einfach nur um die Bewohner kümmert, ihnen vorliest, mit ihnen spricht. Ganz banale Dinge, die das Leben für unsere Bewohner ein bisschen lebenswerter machen“, sagt sie.


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