Jury-Besuch im Eldenburg-Gymnasium Lübz : Deutschlands beste Schule?

Schüler der Sekundarstufe eins müssen durch die Studienorientierte Lernzeit keine Hausaufgaben außerhalb der Schulzeit bearbeiten.   Fotos: Sebastian Schramm
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Schüler der Sekundarstufe eins müssen durch die Studienorientierte Lernzeit keine Hausaufgaben außerhalb der Schulzeit bearbeiten. Fotos: Sebastian Schramm

Das Eldenburg-Gymnasium ist im Jahr 2018 eine der besten 20 Schulen in Deutschland. Ein Besuch.

svz.de von
24. Januar 2018, 21:00 Uhr

Nein, besonders wirkt an ihm nichts. Da ist zuerst der Bau. Ein Klotz aus Klinker, der die Eleganz einer Behörde ausstrahlt. Und natürlich die Schüler. Strikt getrennt sitzen sie in der Mittagspause im Empfangsbereich des Eldenburg-Gymnasiums: da die Jungen, da die Mädchen. Ein Pärchen lehnt an der Wand, eng verschlungen, verliebt. Schulleiter Torsten Schwarz kommt vorbei. Er sieht ein Stück zusammengeknülltes Papier auf dem Boden und packt es in den Mülleimer.

Anders ist hier trotzdem vieles.

Im Dezember bekam die Schulleitung die Nachricht, ihre Schule gehöre im Jahr 2018 zu den 20 besten Deutschlands. Nach ihrer Bewerbung hat sie jetzt die Chance, den Deutschen Schulpreis zu gewinnen, der jährlich exzellente und innovative Konzepte auszeichnet. Heute ist die Jury da, um sich einen Eindruck zu verschaffen, vier Köpfe aus Wissenschaft und Pädagogik.

Torsten Schwarz sitzt in seinem Büro. Abgekämpft sieht er aus, mit tiefen Ringen unter den Augen. Ausnahmsweise schließt er für das Gespräch die Tür. „Sonst ist sie immer offen“, sagt er. Jeder soll ihn sprechen, wenn er möchte: die Schüler, die Kollegen. Flache Hierarchien, das sei für ihn ein wichtiger Faktor. Und den Mut zu haben, sich zu hinterfragen. Immer wieder, erzählt er, gleiche das Kollegium die eigene Arbeit mit der Bildungsforschung ab. „Wir wollen wissen, wo wir stehen.“

Herausgekommen sind so beispielsweise Fragebögen für Schüler, die den Unterricht des Lehrers einschätzen. Noch mit Stift und Zettel. Bald soll das per Smartphone möglich sein. Dazu: gegenseitige Unterrichtsbesuche der Lehrer, mehrtägige Weiterbildung des Kollegiums. Da sind SOL und GLUE, zwei Lernkonzepte, die seit Jahren umgesetzt werden. Die „Studienorientierte Lernzeit“ ist für jeden Schüler individuell, 100 Minuten pro Woche, in denen er unter Aufsicht lernen oder Hausaufgaben erledigen kann.

GLUE, englisch für den Leim, ist die „Geöffnete Lern- und Unterrichtszeit“. Bei ihr wird der reguläre Unterricht mehrmals pro Schuljahr ausgesetzt. Für zwei bis drei Wochen werden Fächer aneinander geleimt: selbstständig oder in Gruppen lernen die Schüler dann etwas über Themen, die sich nicht in ein einziges Fach pressen lassen. Renée Mohr, eine Zehntklässlerin, sagt, diese Ideen vom Lernen machten Spaß. Freiheit sei das, sich selbst darum zu kümmern, was und wie man lernt. „Ein bisschen wie Studieren.“

Die Konzepte seien auf hohe Akzeptanz gestoßen, sagt Schulleiter Schwarz. Große Worte, ja, aber es gehe eben darum, die Schüler auf das Abitur, aber vor allem aufs Leben vorzubereiten. Er spricht langsam und deutlich, wenn er seinem Gegenüber in den Notizblock notiert. Pädagoge ist man immer. Er selbst hat am Eldenburg-Gymnasium als Referendar angefangen, Anfang des Jahrtausends, seit 2014 steht er der Schule vor. Die Nominierung als eine der 20 besten Schulen ist der vorläufige Höhepunkt. Wenngleich er sagt: „Schule darf nicht stehen bleiben.“ Eine gute Schule denke immer von den Schülern aus, findet er. Und die unterlägen dem Wandel. Immer.

Mittlerweile ist Nachmittag. Die Jury hat Torsten Schwarz die meiste Zeit nicht gesehen. Sie war im Unterricht und in Gesprächen mit Eltern und Schülern. Die Wirklichkeit abgleichen mit dem, was sich auf dem Papier so gut liest. Wie ihr der Besuch im Detail gefallen hat, will sie nicht sagen. Unfair sei das gegenüber den anderen Schulen, die sie in den nächsten Wochen begutachten werden. Beobachtet aber hätten sie, dass ein guter Umgang herrscht. Und, dann doch so viel: Die Schüler machten auf sie den Eindruck, gerne in den Unterricht zu kommen. Wie wichtig das sei, sagt Jurymitglied Wolfgang Beutel. Er hat noch den Spruch in den Ohren mit den Lehr- und Herrenjahren. „Aber Schule sind Jahre eines menschlichen Lebens. Die Schulzeit prägt.“

Torsten Schwarz ist am Ende des langen Tages Beobachter. Er lässt die Jury sprechen, ihre Vorstellungen von Bildung und Gesellschaft. Eines aber sei ihm noch wichtig. Die Schule macht das alles nicht, um den Preis zu gewinnen. Es ginge um die Schüler.

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