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Unglück der Costa Concordia : Der Schutzengel aus dem Reisebüro

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Edeltraud Niemanns erste Kreuzfahrt wäre fast ihre letzte gewesen. Eine Fahrt auf der Costa Concordia, das war ihr großer Traum. Um ein Haar wäre er zum Albtraum geworden. Nur mit Glück war die Lübzerin nicht an Bord.

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erstellt am 15.Feb.2012 | 06:40 Uhr

Lübz | Edeltraud Niemanns erste Kreuzfahrt wäre fast auch ihre letzte gewesen. Eine Fahrt auf der Costa Concordia, das war ihr großer Traum. Um ein Haar wäre er zum Albtraum geworden. Vor einem Monat sank das Schiff vor der Mittelmeerinsel Giglio. Nur mit viel Glück war die Lübzerin nicht an Bord.

Und das kam so: Edeltraud Niemann aus Lübz will unbedingt eine Kreuzfahrt machen. Ein großes Schiff, Seeluft, Häfen, Städte - das ist, was sie fasziniert. Ende des vergangenen Jahres schaut sich die 53-Jährige nach Angeboten um. Schnell stößt sie auf ein Schiff namens Costa Concordia. "Der Katalog lag ganz oben auf meinem Stapel", sagt sie. Die Route durch das westliche Mittelmeer gefällt ihr: Civitavecchia, Savona, Marseille, Barcelona, Palma de Mallorca, Cagliari, Palermo. Und auch der Preis stimmt. "Da will ich mit", denkt sie sich und macht sich auf ins Lübzer Reisebüro zu Gabriele Wegner. Die Reiseexpertin gibt zu bedenken, dass die Bordsprache auf der Costa Concordia nicht Deutsch ist. Sie verspricht, sich nach alternativen Angeboten umzusehen und Edeltraud Niemann ansonsten auf der Costa Concordia einzubuchen.

Wenig später klingelt das Telefon. "Ich habe ein tolles Angebot für Sie gefunden", sagt Gabriele Wegner am anderen Ende der Leitung. Eine deutsche Reederei mit Bordsprache Deutsch. Die Route: Gran Canaria, Marokko, Madeira, Fuerteventura. Edeltraud Niemann überlegt ein wenig. Soll sie sich vom Traum Costa Condordia verabschieden? Sie gibt sich einen Ruck und bucht das andere Schiff. Eine gute Entscheidung. Wie gut, das kann sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen.

Am Freitag, 13. Januar, legt ihr Schiff auf Gran Canaria ab. Es ist der Tag, an dem auch die Costa Concordia ihre Leinen zur verhängnisvollen Fahrt löst. Die Costa Concordia verlässt den italienischen Hafen Civitavecchia nordwestlich von Rom gegen 19 Uhr. 4229 Menschen sind am Bord, darunter 566 Deutsche. Vor der Insel Giglio rammt das 250-Meter-Schiff um 21.45 Uhr und fünf Sekunden einen Felsen. Position 42 Grad, 21 Minuten, 20 Sekunden Nord, 10 Grad, 55 Minuten, 50 Sekunden Ost wird zum Schicksalspunkt für 32 Opfer. Für alle anderen Passagiere wird er zum Trauma. Die meisten Gäste genießen ihr Essen, als die Katastrophe beginnt. Es ist das jähe Ende einer Traumreise.

3000 Kilometer Luftlinie von Giglio entfernt erfährt Edeltraud Niemann erst am Sonnabend von dem schrecklichen Unglück. Zuerst realisiert sie kaum, wie viel Glück sie gehabt hat. Dann versteht sie: Es ist das Schiff, auf dem sie unbedingt mitfahren wollte. Es ist die gleiche Route. "Da wären wir an Bord gewesen", sagt sie zu ihrem Mann und kann ihr Glück kaum fassen.

Edeltraud Niemann ist Gabriele Wegner dankbar. "Wenn sie nicht nach einem anderen Angebot geschaut hätte, hätten wir eine Katastrophe erlebt", sagt die Lübzerin. Rein zufällig ist Wegner zur Lebensretterin geworden - ohne es absehen zu können. "Eigentlich habe ich nur meine Arbeit gemacht, nicht anders als sonst auch", sagt sie. Sie ist heilfroh, dass ihre Kundin nicht an Bord des Unglücksschiffes war.

"Unsere Uhr war eben noch nicht abgelaufen", sagt Niemann. Die Kreuzfahrt hat Edeltraud Niemann trotz der Schreckensnachricht aus Italien genossen. Sie ist sich sicher: "Mein Mann und ich wollen bald noch eine Kreuzfahrt machen." Ein Satz, den sie ohne ihren Schutzengel aus dem Reisebüro so ganz sicher nicht sagen könnte.

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