zur Navigation springen
Zeitung für Lübz, Goldberg, Plau

20. November 2017 | 18:38 Uhr

Dorfgeschichten : Der Dobbertiner Gerichtsberg

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für Lübz – Goldberg – Plau

Der Galgen des Klosteramtsgerichts stand einst auf einer Anhöhe in den Spendiner Tannen

svz.de von
erstellt am 18.Okt.2014 | 11:00 Uhr

Er kennt sich aus wie kein Zweiter, er ist Teil der Dobbertiner Klostergeschichte – Horst Alsleben. Jahrelang war er als Klosterbauleiter in Dobbertin tätig. Heute lebt er in Schwerin und nutzt die Zeit, um weiter in der Historie des Klosterdorfes und den umliegenden Gemeinden zu forschen.

In loser Folge wird Horst Alsleben für die Schweriner Volkszeitung spannende Geschichten, unglaubliche Sagen und Legenden erzählen. Heute, im ersten Teil, geht es um den Dobbertiner Gerichtsberg bei Spendin.

Einige ältere Bürger aus Dobbertin, aber auch aus Dobbin, Kläden und Spendin können sich heute noch an die etwas eigentümlich klingenden Namen im Dobbertiner Umland erinnern. Sie kennen teils sogar deren Bedeutung und ihren Standort. Dazu gehören Bernstorffs Höhe, Hermsrade als Helmsrade, der Jager-See (heutige Dobbertiner See), die Dobbiner Plage (der einstige Dobbiner und Kädener See), die Möhlenbarg der ehemaligen Dobbertiner Windmühle, der Schaulmeister Acker, der Kirchsteig von Dobbin, der Kauhhürn am Dobbertiner See, die Jungfern Wiesen der Klosterfrauen und den Kleestener Backofenweg. Darüber gäbe es noch manch spannende Geschichte zu erzählen. Doch wer kennt noch den Dobbertiner Gerichtsberg, der diesen Namen nicht zu unrecht erhalten hatte, und wo steht er?

Natürlich Ernst Biermann, der älteste in Dobbertin geborene Ehrenbürger, erzählt gern darüber. Als Junge sammelte er dort in den zwischen Dobbertin und Spendin gelegenen Spendiner Tannen Pilze und Beeren. Auf der Anhöhe, dem Gerichtsberg stand einst der Galgen des Dobbertiner Klosteramtsgericht und es wurden die Urteile gesprochen. „Dat Gericht“ war damals bewusst nahe am alten Landweg nach Güstrow errichtet worden, denn so konnte man besser Räuber und Gesindel abschrecken und von Dobbertin fernhalten. Auch auf der Klosterkarte des Landvermessers von See ist 1777 das Flurstück mit dem Namen „Bei dem Gerichtsberg“ verzeichnet worden.

Das Klosteramtsgericht schien in diesen Zeiten stark beschäftigt gewesen zu sein, denn zum Klosteramt gehörten damals neben 132 Dörfern noch 26 Güter, 17 Pachthöfe, 16 Mühlen, 12 Forsthöfe, Dorfkrüge, mehrere Ziegeleien, Kalkbrennereien, Glashütten und 25 Kirchen. Bei den häufigen Gewalttätigkeiten, Schlägereien mit Körperverletzungen, Giftmorden, Diebstählen von Vieh, Fisch, Pferden, Schilf und Holz, Vaterschaftsklagen, Ehebruch, ungebührliches Betragen in der Öffentlichkeit, Diebstahl von Kirchengeld und Beleidigung des Pastors im gesamten Klostergebiet waren auch die Landreiter als klostereigene Polizei überfordert.

Kaum bekannt sein dürfte, dass bis Mitte des 17. Jahrhunderts auch im Klosteramt Dobbertin noch Hexenprozesse durchgeführt und Todesurteile von Scharfrichtern vollstreckt wurden. Aus den Jahren von 1594 bis 1682 sind bisher 25 Hexenprozesse, davon allein 14 in Dobbertin bekannt.

So wurden 1595 während der Amtszeit des Klosterhauptmanns Joachim von Bassewitz und des Pastors Peter Röbelmann nach Folterungen Anna Fischer, Anne Stindmann, Lena Hovemann wegen Hexerei und Zauberei auf dem Scheiterhaufen verbrannt. 1674 fand auf dem Gerichtsberg mit der Theetzlaff die letzte Dobbertiner Verbrennung auf dem Scheiterhaufen im Beisein des Klosterhauptmanns Friedrich von Jasmund, dem Sydicus Dr. Joachim Nesen und dem Güstrower Scharfrichter Claus Lowsen statt. Zur Urteilsfindung befragte das Klosteramtsgericht bei strengen Urteilen immer das Belehrungsinstitut, die Juristische Fakultät der Universität zu Rostock. Die Spruchakten dazu befinden sich heute noch im Universitätsarchiv Rostock. Bei zu erwartenden milderen Urteilen befragte man auch schon mal die Juristische Fakultät der Universität zu Greifswald. Die Verhandlungen fanden im Gerichtszimmer im Amtshaus der Klostervorsteher statt.

Auch in den späteren Jahren war das Dobbertiner Klostergefängnis den Inhaftierten öfters gut gesonnen, denn es schien nicht immer ausbruchssicher gewesen zu sein. In den Mecklenburgischen Nachrichten, Fragen und Anzeigen konnte man unter Vermischte Nachrichten diverse Suchanzeigen und exakt beschriebene Steckbriefe der ausgebrochenen Person lesen. So war im Februar 1775 zu lesen: „Es ist in der Nacht vom 3ten auf den 4ten dieses Monats eine Weibsperson, welche wegen verübten Diebstahl hieselbst inhaftiert gewesen, mit Namen Marie Regina Reickentroch, verehelichte Graumann ausgebrochen … Eine jede Obrigkeit wird gehorsamst ersucht diese beschriebene Person zu inhaftieren, und es dem hiesigen Closter Amtsgericht wissen zu lassen.“

Am 25. August 1776 findet man eine etwas längere Suchanzeige: „Nachdem vor etwa fünf Wochen ein Kerl, Namens Paul Albrecht, Diebstals halber alhier beym Kloster-Amte Dobbertin eingebracht, den 3ten des Monats Morgens, halb nach 5 Uhr aber, da er sich der starken Fesseln und Ketten entledigt, aus dem Gefängnis durch eine Mauer gebrochen, und davon gegangen ist. So ersuchet man eine jede Gerichtsbarkeit, woselbst sich der Bösewicht betreten lassen sollte, denselben anzuhalten, dem hiesigen Dobbertinschen Kloster-Amts-Gericht solches behebigst anzuzeigen, und man wird nicht ermangeln, gegen ertheiltes Revers, und Erlegung aller Kosten, denselben sofort hinwieder einzuholen....“. Er hatte von Kindes-Beinen an gestohlen, sich mehrere Namen zugelegt, war mehrfach schon ausgebrochen und wurde nun wegen einer gestohlenen Kuh gesucht.

Das Dobbertiner Kloster-Amtsgericht arbeitete bis zur Auflösung des Klosteramtes 1920, sein letzter Syndicus war der ehemaliger Bützower Bürgermeister, der Geheime Hofrat Franz Friedrich Paschen.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen