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Zeitung für Lübz, Goldberg, Plau

16. Dezember 2017 | 15:38 Uhr

Tragödie : Der Alptraum findet kein Ende

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für Lübz – Goldberg – Plau

Mit Freispruch des Unglücksfahrers nicht zufrieden: Vater will Prozess um seinen bei Unfall in Benzin getöteten Jungen neu aufrollen

von
erstellt am 10.Jul.2015 | 19:00 Uhr

Auch am 17. April 2013 verabschiedet Darja Englaender wie schon so oft ihren per Rad zur Schule fahrenden Sohn Nikita draußen vor der Tür. Doch nur einen Moment später ist nichts mehr wie vorher. Wieder im Haus, hört die junge Frau einen dumpfen Schlag – ein Kleintransporter hat den Jungen gerammt. „Er lag auf der Straße, große Mengen Blut quollen unaufhörlich aus seinem Mund, weil wahrscheinlich die Hauptschlagader im Bauch gerissen war“, sagt Vater Ernst Englaender leise. „Es gab nichts mehr zu machen, das Kind ist vor unseren Augen gestorben. Die mehrere Meter lange Blutspur auf der Straße haben wir noch ein halbes Jahr lang gesehen.“

Kürzlich hat das Amtsgericht Parchim den Eltern das Urteil des geführten Strafprozesses zugestellt. Ergebnis: Der beschuldigte Fahrer des Transporters wird freigesprochen, worüber sich der Vater entsetzt zeigt. Er wolle den Fall jetzt komplett neu aufrollen  und sich dafür eigenen Worten zufolge nötigenfalls den besten  Spezialisten für Verkehrsrecht suchen, den es gibt. Denn: „Dieses Urteil ist ein Freibrief, einen Menschen totzufahren! Kein Recht gesprochen, sondern zu den Akten gelegt. Auch das Urteil sollte eigentlich dabei helfen, einen gewissen Abschluss zu finden, was so nicht möglich ist. Wir kommen nicht zur Ruhe.“

Laut Gerichtsakte erfolgte die Freisprechung unter anderem deshalb, weil man „keine unfallverursachende Pflichtverletzung durch den Angeklagten festzustellen vermochte“. Unaufmerksamkeit durch kurzes Grüßen einer im Pkw entgegen kommenden Bekannten sei durch ihre Aussage und die des Beifahrers im Transporter widerlegt. Danach habe Letztgenannter zwar bekundet, zum Fahrer gerufen zu haben „Pass auf!“, weil Nikita aus der Einfahrt kam. Den Ermittlungen zufolge habe sich sein Sohn zum Zeitpunkt des Aufpralls allerdings bereits auf der richtigen Straßenseite befunden, sagt Englaender, so dass der Transporter trotz geringer Straßenbreite mühelos hätte vorbeifahren können: „Auch das wurde nicht gewürdigt.“

Laut Gericht habe der Junge gegen die wichtige Verkehrsregel verstoßen, dass sich ein von einem Grundstück kommender Verkehrsteilnehmer vergewissern müsse, dass die Fahrbahn einschließlich Sicherheitsabständen frei ist. Deshalb sei er als Unfallverursacher anzusehen. Der Angeklagte habe a) nicht damit rechnen müssen, dass der Junge plötzlich vor sein Auto fahren würde und b) sei er mit etwa 70 km/h mit einer „dort durchaus moderaten und angepassten Geschwindigkeit gefahren“.

Englaender beurteilt die Lage anders. In der Tat gebe es kein Schild (mehr), das die Geschwindigkeit in genanntem Bereich begrenzt, doch der Angeklagte sei nicht nur beruflich Kraftfahrer und dadurch diesbezüglich besser qualifiziert als die meisten, sondern vor allem auch lange in der Ziegelei Benzin als Ein-Euro-Jobber beschäftigt gewesen. „Er kannte deshalb alle mit dieser engen Straße in Zusammenhang stehenden Gefahren und wurde seinerzeit von der Geschäftsleitung regelmäßig darauf hingewiesen, hier nicht schneller als 50 km/h zu fahren! Aber auch das hat bei der Urteilsfindung keine Rolle gespielt“, so der Ziegelei-Inhaber. In menschlicher Hinsicht übel nehme er dem jetzt knapp 36-jährigen Fahrer besonders sein „befremdliches Benehmen außerhalb des Gerichtssaals“, weil er gelacht habe, und den Fakt, dass er nicht ein einziges Mal das Gespräch mit den Eltern suchte.

Das Ehepaar hat vor wenigen Monaten Zwillinge bekommen, was es auch als richtige, weil etwas wieder aufbauende  Entscheidung betrachtet. Doch der Tod des Jungen wirke deshalb nicht weniger weiter stark belastend: „Nach dem Urteil sind bei meiner Frau die Alpträume täglich zurückgekehrt und wegen ihrer Suizid-Gedanken habe ich schon mehrfach eingreifen müssen. Uns wurde der Boden unter den Füßen weggezogen und man hat die Verursacherschuld auf unseren toten Sohn abgeladen, was  keineswegs bewiesen ist. Das lasse ich so nicht stehen.“

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