Das Straßenfest für Fachkräfte

Ein zwei Meter großes Airbrush-Gemälde malte der Parchimer Künstler Kai Arendt während des Lübzer Jobfrühlings.
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Ein zwei Meter großes Airbrush-Gemälde malte der Parchimer Künstler Kai Arendt während des Lübzer Jobfrühlings.

Der erste Jobfrühling zog die Lübzer am Sonnabend in die Industriestraße: Wie erfolgreich war der Tag für die Unternehmen?

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29. April 2019, 05:00 Uhr

Lübz | Otis schwingt seine Roboterhand. Er steht da, in seinem roten Pullover, mit seinen neun Jahren. Er schaut sich um, sieht eine Haustür und greift mit einem metallischen Arm nach der Klinke. Geschlossen. Ein Mann hilft ihm. „Du musst jetzt mit deinem silbernen Finger auf das Tastenschloss drücken. Gib mal die Zahlen ein“.

Otis tippt das Passwort, es piept und er kann die Tür öffnen. Der kleine Mann trägt keine Armprothese, sondern eine 3D-Brille. Er hat zwei Controller zwischen den Fingern und läuft durch eine virtuelle Welt voller Fenster und Haustüren. Die Firma HO Schlüter hat Großes aufgefahren zum ersten Lübzer Jobfrühling. Eine Führung mit Filmvorführung, eine Werkshallen-Begehung, 3D-Brillen, und eine Brandschutz-Show, bei der Schutzglas zum Schmelzen gebracht wird. Allen Führungsteilnehmern schenkt die Firma einen Burger am nahen Imbiss-Stand. Das zog Besucher auch bis an das Ende der Industriestraße, einmal quer durch die Fachkräftemesse unter freiem Himmel.

Vorne, bei der BHG Lübz, spielt Musik beim Frühlingsfestes. Von dort transportiert ein Traktor mit Anhänger Gäste zum Jobfrühling. Drohnen fliegen am Himmel, eine Aussichtsplattform aus Gerüsten von Carl Schütt überspannte die Industriestraße, Menschen schlendern an Infostände vorbei, die sich wie an einer Perlenkette aneinander reihen. Nicht weit vom Eingang ist die IHK-Schwerin vertreten. Ihr Kammerbezirk reicht bis Plau am See. „Wir haben noch über 1000 offene Lehrstellen allein in unserem Bezirk”, sagt Petra Schemath. Solch eine Veranstaltung sei dringend notwendig, sagt sie. Doch wie erfolgreich verlief der Tag für die Unternehmen?

Wenn nur ein Lehrling nach dem Jobfrühling bei ihnen anfängt, sei der Tag ein Erfolg. Derart niedrige Erwartungen hatte Maler-Grosser-Geschäftsführer Mario Jonca. Vor seiner Firma steht ein bunter Truck. Ein riesiger Informationsstand auf vielen Rädern. Eine Art „iPad“ in der Größe eines Esstisches steht darin, um den herum sich Jugendliche drängelten und sich über Farben und Hausanstriche informierten. „Drei Jugendliche haben sich für ein Praktikum im Sommer angemeldet, zwei wollen sich als Lehrlinge bewerben“, sagt Jonca, während er auf den Stufen des Trucks steht. Erwartung übertroffen.

Bei HO Schlüter, erzählt Ausbildungsleiter Christoph Appelt, wurden sogar sieben fertige Bewerbungsmappen abgegeben. Die Möglichkeit, sich direkt zum Jobfrühling zu bewerben, dazu riefen die Unternehmen in einer Zeitungsanzeige auf. Appelt ist zufrieden. Am Stand der Stadtwerke steht Geschäftsführer Olaf Beck. Den Erfolg des Tages will er nicht nur in Bewerberzahlen messen: „Heute geht es auch um Image-Werbung für Lübz als Wirtschaftsstandort.”

Die Transportfirma Neubert steht mit schwerem Gerät auf dem Jobfrühling, mit einem voll beladenen Autotransporter und einem Holztransporter. Für die Zuschauer schwingt Berufskraftfahrer Christian Schwieger mit seinem Kran Baumstämme durch die Luft. Jahrelang hatte die Firma keine Azubis mehr. „Wir hätten uns schon mehr Schüler gewünscht, die zu Besuch kommen”, sagt Ralf Neuber, der Geschäftsführer. Aber auch er erhält einige Bewerbungsunterlagen an diesem Tag.

Für einen Schüler war der Tag ein großer Erfolg. Zur Verlosung am Nachmittag gewann Leon Rottenbach ein nagelneues iPad. Der 13-jährige besuchte dazu mindestens fünf Stände und ließ sich den Besuch auf seinem Gewinnlos abstempeln. „Ich war beim DRK, der Apotheke, Schlüter, der Sparkasse und Neubert“, sagt er. Eine Ausbildung wolle er unbedingt machen. Vielleicht als Retter beim DRK.

Für Gesprächsstoff sorgte die Lübzer Brauerei. Am Gehweg wackelte ein Aufsteller mit dem Lübzer Leuchtturm, der die Besucher zum Stand locken sollte. Wobei „Stand“ eine Übertreibung ist. Die größte Marke der Stadt, reduziert auf zwei kleine Tische, ein paar leere Dosen und Handzettel. Neben Lübzer wirkte der Stand der Dachdeckerei Stuhr wie ein Vergnügungspark mit Kran und Hebebühne, einer Schauwand mit Dachsteinen und einem Handwerkstisch zum Selberlöten und Hämmern. Lukas Burghardt druckst etwas herum, warum Carlsberg nur ein Minimalangebot machte: „Lübzer hat eine große Strahlkraft und keinen derart großen Bewerbermangel wie manch ein Handwerksbetrieb.“ Freibier gab es übrigens nicht.

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