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Zeitung für Lübz, Goldberg, Plau

18. Dezember 2017 | 10:13 Uhr

Natur Pur : Das Echte Eisenkraut von Retzow

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für Lübz – Goldberg – Plau

In loser Folge berichtet Walter Kintzel über verschiedene Pflanzenarten, die noch immer im ehemaligen Altkreis Lübz beheimatet sind

svz.de von
erstellt am 26.Sep.2014 | 22:00 Uhr

Die Kartierung der Dorfpflanzen im Altkreis Lübz hat ergeben, dass nur in Retzow ein ansehnlicher Bestand des Echten Eisenkrautes noch vorhanden ist.

Das Echte Eisenkraut wächst an mäßig trockenen bis wechselfeuchten Ruderalstellen an Wegrändern und auch in Halbtrockenrasen. Das Eisenkraut schätzt sonnige, geschützte Lagen mit mäßig nährstoffreichen und schwach sauren, sandigen Lehm- und Tonböden und hat im Sommer einen hohen Wasserbedarf. Sie ist eine unauffällige, aber ausdauernde Pflanze und wächst gerne an Wegen, Hecken und Schuttplätzen. In einem solchen Halbtrockenrasen, der ruderal beeinflusst ist, ist der Bestand in Retzow gegenüber dem Kirchhof zu finden.
Die Wuchshöhe der sommergrünen, meist kurzlebig ausdauernden krautigen Pflanze beträgt hier 10 bis 30 Zentimeter. Der aufrechte, verzweigte Stängel ist vierkantig und flaumig behaart bis fast kahl. Die Laubblätter sind gegenständig am Stängel verteilt angeordnet. Die Blattspreite ist grob gezähnt, gelappt bis manchmal tief fiederspaltig. Die relativ kleinen, zwittrigen Blüten bestehen aus fünf weißlichen bis rötlichen, hellvioletten bis bläulichen, flaumigbehaar-ten Kronblättern. Die Blütezeit reicht in Mitteleuropa vom Mai bis Oktober. Alles in allem ist das Eisenkraut eine recht filigrane Pflanze. Die Verbreitung der Samen erfolgt durch Stoß- oder Schüttelausbreitung sowie durch den Menschen. Der schräg aufrecht stehende Kelch dient als Windfang und fällt zur Reife mit diesen ab. Das Echte Eisenkraut ist damit ein Wind- und Tierstreuer; auch Klebausbreitung und Menschenausbreitung sind möglich. Durch Trittausbreitung wird das Echte Eisenkraut zum Kulturrelikt.

Es ist in Mitteleuropa ein Alteinwanderer: Als Kulturbegleiter bzw. als Kulturrelikt ist es seit der Jungsteinzeit z. B. in der Nähe von menschlichen Siedlungen bzw. von Burgen nachweis-bar. Das Eisenkraut ist seit frühester Zeit kultisch verwendet worden. Bereits in
indogermanischen Zeremonien wurde das Eisenkraut genutzt, um Opfersteine oder Altartische zu reinigen. Auch der Name Eisenkraut selbst lässt sich auf die kultische Verwendung dieser Pflanze zurückführen: Sie sollte das beste Mittel gegen Verwundungen durch Eisenwaffen sein, und sie wurde bei der Eisenverhüttung zugesetzt.

Das Echte Eisenkraut ist eine traditionelle Heilpflanze der Volksmedizin. Das in der Bevölkerung von einer Generation zur nächsten überlieferte Wissen über Krankheiten, Heilmethoden und Heilmittel wird als Volksmedizin bezeichnet. Die Ursprünge der Volksmedizin reichen zurück bis in die Urgeschichte der Menschheit. Zu frühen Erfahrungen durch reines Ausprobieren beispielsweise von Heilpflanzen oder von Heilmitteln tierischen oder mineralischen Ursprungs kamen auch Beobachtungen von Tieren, die bei Krankheit instinktiv gewisse Pflanzen fressen.

Dem Eisenkraut wurden insbesondere harntreibende, Gallenfluss anregende und antirheumatische Wirkungen nachgesagt. Eisen enthält die Pflanze allerdings nicht. Neuere Untersuchungen belegen zudem schlaffördernde sowie neuroprotektive Wirkungen der Inhalts-stoffe. (Neuroprotektion ist der Versuch, Nervenzellen und Nervenfasern durch pharmakologische oder molekularbiologische Methoden vor dem Absterben zu bewahren.)

Es ist verständlich, dass früher die Menschen solche Pflanzen gesammelt haben, sie angebaut oder zumindest in ihrer Wohnumgebung geduldet haben.



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